Sonntag, 6. Juni 2021

Über den Umgang mit sich selbst

Es gibt ein schlimmes Jesuswort im Johannesevangelium (12,25): „Wer sein Leben liebt, der wird es verlieren; wer aber sein Leben in dieser Welt hasst, wird es zum ewigen Leben bewahren.“ Man mag das heute so interpretieren, dass es seinen anstößigen Charakter verliert – man vergleiche Sudbracks Aufsatz zu Mk 8,35 –, zunächst ist sein Impuls lebens- und ich-feindlich. Dagegen gibt es in des Freiherrn Knigge (kaum gelesenem und daher missverstandenem) Buch über den Umgang mit Menschen den guten Rat: „Willst Du aber im Umgange mit Dir Trost, Glück und Ruhe finden, so mußt Du ebenso vorsichtig, redlich, fein und gerecht mit Dir selber umgehn als mit andern, also daß Du Dich weder durch Mißhandlung erbitterst und niederdrückest, noch durch Vernachlässigung zurücksetzest, noch durch Schmeichelei verderbest.“ (Zweites Kapitel des ersten Teils, Abschnitt 3.) Es folgen eine Reihe einzelner Ratschläge: Sorge für die Gesundheit deines Leibes und deiner Seele! Respektiere dich selbst! Verzweifle nicht, wenn du nicht in der ersten Reihe stehst! Sei dir selber ein angenehmer Gesellschafter! „Es ist aber nicht genug, daß Du Dir ein lieber, angenehmer und unterhaltender Gesellschafter seiest, Du sollst Dich auch, fern von Schmeichelei, als Dein eigener treuester und aufrichtigster Freund zeigen, und wenn Du ebensoviel Gefälligkeit gegen Deine Person als gegen Fremde haben willst, so ist es auch Pflicht, ebenso strenge gegen Dich als gegen andre zu sein. Gewöhnlich erlaubt man sich alles, verzeiht sich alles und andern nichts; gibt bei eigenen Fehltritten, wenn man sich auch dafür anerkennt, dem Schicksale oder unwiderstehlichen Trieben die Schuld, ist aber weniger tolerant gegen die Verirrungen seiner Brüder – das ist nicht gut getan.“ (Abschnitt 8.) Dieser Abschnitt zeigt, wie ausgewogen Knigge zum Umgang mit sich selbst anleitet. Und im letzten Abschnitt mahnt er, sein „Verdienst“ nicht im Vergleich mit anderen zu messen, sondern „nach den Graden Deiner Fähigkeiten, Anlagen, Erziehung und der Gelegenheit, die Du gehabt hast, weiser und besser zu werden als viele“ – eine fundamentale Einsicht. Es lohnt sich, die knapp fünf Seiten in Ruhe zu lesen, und zwar nicht im Sinn einer Selbstoptimierung, wie sie heute von vielen Coaches angeboten wird, sondern im Sinn einer Anleitung zur Freundschaft mit sich selbst.

Worauf ich in diesem Zusammenhang hinweisen möchte, ist ein Buch, das ich 1980 gelesen habe, Hans Jochen Gamms „Umgang mit sich selbst. Grundriß einer Verhaltenslehre(1977). Wenn ich mich recht entsinne, habe ich es auszugsweise einmal auch in einem Philosophiekurs mit den Schülern gelesen und diese damit vermutlich heillos überfordert. Das Buch gibt es heute noch zu kaufen – es zu lesen lohnt sich unbedingt.

Einen Vorläufer Knigges finde ich in Paul Flemings Gedicht "Er redet sich selber an", dort der Schluss:
"Mach‘ Rechnung von dir selbst, von dir und deiner Tat!

Doch, du bist wider dich. Die Sehnsucht fremder Sachen,
Was wird sie dermaleinst noch endlich aus dir machen,
Weil auch dein eigner Rat bei dir selbst statt nicht hat?"

http://www.zeno.org/Literatur/M/Knigge,+Adolph+Freiherr+von/Schriften/%C3%9Cber+den+Umgang+mit+Menschen/Erster+Teil/2.+Kapitel (Knigge: Über den Umgang mit Menschen. Darin: Über den Umgang mit sich selbst, 1788)

file:///Users/norbert/Downloads/40_1967_3_161_170_Sudbrack_0.pdf Josef Sudbrack: „Wer sein Leben um meintwillen verliert…“ (Mk 8,35)

https://de.wikipedia.org/wiki/Hans-Jochen_Gamm (Hans-Jochen Gamm)

https://www.bdwi.de/forum/archiv/uebersicht/5415834.html (Armin Bernhard: Nachruf auf Hans-Jochen Gamm)




Freitag, 4. Juni 2021

W. Windelband: Einleitung in die Philosophie (1920)

Windelband war ein großer Philosophiehistoriker. So darf man schon einen großen Wurf erwarten, wenn er gegen Ende seines Lebens eine Einleitung in die Philosophie schreibt und die systematische Gliederung durch historische Hinweise anreichert. Über die Philosophie sagt er: „Wir können niemals ohne Voraussetzungen, die zunächst als gültig angenommen werden müssen, über die Dinge nachdenken, aber wir sollen sie doch schließlich nicht ungeprüft gelten lassen, und wir müssen darauf gefaßt, wir müssen entschlossen sein, sie preiszugeben, wenn sie solche Prüfung nicht bestehen. Dieses Prüfen der Voraussetzungen ist die Philosophie.“ (S. 8)

Und zum Ziel seines Buches: „Die Einleitung in die Philosophie soll ebensowenig wie einen bloß historischen Bericht, die Apologie einer bestimmten Lehre geben. Ihre Aufgabe ist vielmehr die Einführung in das Philosophieren selbst, in die lebendige Arbeit des Nachdenkens, in das unmittelbare Verständnis seiner Motive, seiner intellektuellen Bedrängnisse und der Rettungsversuche, womit es ihnen zu entgehen strebt. (…) So steht die Einleitung dem systematischen und dem historischen Material gegenüber gleichmäßig auf dem Standpunkt einer  i m m a n e n t e n   K r i t i k  und soll auf diese Weise in den Formen des heutigen Denkens dasselbe leisten, was dereinst Hegel mit seiner ,,Phänomenologie des Geistes“ unternahm: die Notwendigkeit aufzuzeigen, mit der das menschliche Denken von seiner naiven Welt- und Lebensauffassung durch die darin enthaltenen Widersprüche auf den Standpunkt der Philosophie getrieben wird.“ (S. 16) Das ist das Ziel – das Ergebnis besteht nach meiner Einsicht darin, dass „die darin enthaltenen Widersprüche“ nicht gelöst werden und vermutlich auch nicht zu lösen sind.

Am Beispiel von „§ 2. Die Substanz“ soll angedeutet werden, wie Windelband einen Schlüsselbegriff entfaltet und um ihn herum weiterführende Aspekte gruppiert: die Kategorie der Inhärenz – Eigenschaften eines Dings – seine Identität – die Erscheinung eines Dings – wesentliche/unwesentliche Eigenschaften – essentielle/akzidentelle Merkmale – Masse – Form – Kontinuität des Lebens – das Prinzip der Auswahl – Begriff des Elements – absolute Qualitäten (Herbart) – universalistische Weltansicht – Individualismus – Atomismus – Entelechie – Individualität – Monaden – Attribute und Modi – das Ding an sich. Diese Methode bewährt sich im ersten Kapitel des ersten Teils. Dort behandelt Windelband die Themen

  • Wesen und Erscheinung

  • Die Substanz

  • Die Quantität des Seienden

  • Die qualitativen Bestimmungen der Wirklichkeit.

Im zweiten Kapitel geht es um das Geschehen (Werden), die Kausalität, Mechanismus und Teleologie, das psychophysische Geschehen. Die Ausführungen dieses Kapitels haben mich nicht überzeugt: Zu unklar sind die Begriffe, mit denen hantiert wird; allein für den Begriff „Seele“ kann man im zeitgleichen Handwörterbuch Eislers (1922)https://archive.org/details/eislershandwrte00fregoog/page/n585/mode/2up nachlesen, wie umstritten und unscharf dieser Begriff ist, so dass die Überlegungen zum psychophysischen Geschehen bzw. zum Zusammenhang von Leib und Seele sich auf einem heftig schwankenden Boden bewegen: Ohne dass man den Begriff der Seele klärt, ist es müßig, über ihre Beziehung zum Leib zu spekulieren und diesbezügliche Theorien zu diskutieren. [Oder ist es umgekehrt, dass im Hinblick auf die Beziehung zum Leib der Begriff der Seele geklärt werden kann?]

Bis zu dieser Stelle bin ich bisher mit der Lektüre gekommen. Es folgen noch

§ 9. Die Wahrheit

§ 10. Der Ursprung der Erkenntnis

§ 11. Die Geltung der Erkenntnis

§ 12. Der Gegenstand der Erkenntnis

§ 13. Der Wert

§ 14. Das Prinzip der Moral

§ 15. Die Willensgemeinschaften (Familie, Staat usw.)

§ 16. Die Geschichte

§ 17. Begriff des Aesthetischen

§ 18. Das Schöne

§ 19. Die Kunst

§ 20. Das Heilige

§ 21. Die Wahrheit der Religion

§ 22. Wirklichkeit und Wert

Die Methode Windelbands kann man selber nachahmen, wenn man den Querverweisen folgt, die in einem guten Wörterbuch gegeben werden. So wird man im genannten Artikel „Seele“ in Eislers Handwörterbuch verwiesen auf → Animismus, Monismus, Identitätstheorie, Dualismus, Aktualitätstheorie, Monopsychismus, Pluralismus, psychisch, Subjekt, das Psychische, Entelechie, Bewußtsein, Identitätstheorie, Organismus, Geist, Leib, Parallelismus, Psyche. Diesen Verweisen nachzugehen, das nimmt Windelband seinem Leser ab; dazu erklärt er auch, was für und gegen eine bestimmte Theorie spricht. Aber zu einer „Antwort auf alle Fragen“ kommt er natürlich auch nicht. Die Philosophie erweist sich als ein Netz mit tausend Knotenpunkten; wenn man an einem nestelt, vibriert das ganze Netz, weil die Seile in alle Richtungen laufen und sich verzweigen. - Die ganze Philosophie(geschichte) auf dem Stand von 1920 um zentrale Begriffe herum organisiert, das ist Windelbands „Einleitung“.

Der Autor scheut vor klaren Stellungnahmen nicht zurück, wie seine Ausführungen zum Pragmatismus belegen. 

Der Pragmatismus beruht „auf dem Grundgedanken, daß das Denken, welches Erkennen sein und Wissen werden will, vom Menschen um der Handlung (gr. pragma) willen geübt wird, für die er der leitenden Vorstellungen bedarf. Es ist nun gewiß richtig, daß der Mensch ursprünglich nur denkt, um zu handeln, und daß der psychologische Vorgang, der zum. Urteil, zum Bejahen oder Verneinen führt, durchweg emotionalen Charakters, d. h. mit Gefühlen und Willensvorgängen durchsetzt ist. Das Moment der Zustimmung, das Willensmoment im Urteil, bedarf als solches der Motive für seine bejahende oder verneinende Ausübung, und diese Motive bestehen für das Individuum wie für die Massen in Gefühlen der Lust und der Unlust, der Hoffnung und der Furcht, ebenso aber auch in den Wollungen, die diesen Gefühlen selbst schließlich zugrunde liegen. Aber diesen ganzen Naturprozeß des Fürwahrhaltens aus Gefühlen und Bedürfnissen haben wir bisher immer als Meinen bezeichnet, und eben in diesem Wesen der Meinung und ihrer Entstehungsart ist es begründet, daß ihre Geltung nur relativ und auf ihre Träger beschränkt ist. Selbst wo solche emotionalen Motive des Fürwahrhaltens aus den konstanten und bewußt fixierten Richtungen des Fühlens und Wollens herstammen, die man Charakter nennt, und wo deshalb die Meinungen zu Ueberzeugungen werden — welche Art des Fürwahrhaltens man dann wohl als G 1 a u b e n bezeichnet — , selbst da bleiben diese Bestimmungen für den Geltungskreis des emotional bestimmten Fürwahrhaltens maßgebend. Für das Erkennen und Wissen dagegen sollen alle diese Motive des Fürwahrhaltens ausgeschlossen sein und die Zustimmung nur aus den rein sachlichen Verhältnissen des Vorstellungsinhalts hervorgehen. Das ist das große Wunder und zugleich die sittliche Bedeutung der wissenschaftlichen Erkenntnis, daß sie keine andern Motive des Fürwahrhaltens haben und anerkennen soll als die Gründe, die im Gegenstande des Vorstellens und in der Gesetzmäßigkeit des Denkens selbst enthalten sind. Ein solches Bestreben, die Wahrheit um ihrer selbst willen, nicht wegen der Vorteile, die sie im Kampf ums Dasein gewähren soll, bedürfnislos zu suchen, ist ein Ergebnis psychologischer Uebertragungsprozesse, die sich in der Geschichte des menschlichen Geschlechts abgespielt haben, aber nur für das Bewußtsein sehr weniger Individuen maßgebend geworden sind. Diese rein sachliche Motivation der Zustimmung heißt Evidenz, und für sie ist daher eine Theorie der Wahrheit wie die pragmatistische völlig unzutreffend und unzulänglich. Denn es mag noch so einleuchtend gezeigt werden, daß die Menschen tatsächlich in ihrem Fürwahrhalten durch ihre Bedürfnisse bestimmt sind und daß ihnen als wahr nur gilt, was sie brauchen können — so ist doch eben auch dabei die Brauchbarkeit nicht mit der Wahrheit identisch, sondern nur ein Merkmal, um dessen willen die Wahrheitswertung eintritt. Logisch betrachtet, ist also der Pragmatismus eine groteske Verwechslung von Zweck und Mittel: kulturgeschichtlich betrachtet, bedeutet er freilich etwas ganz anderes, da stellt er sich als ein Sieg des noetischen Individualismus dar, der beim Niedergang unserer intellektuellen Kultur die elementare Macht des Willens entfesseln und auch auf das Reich des reinen Gedankens sich ergießen lassen möchte. Er stellt eine der größten Errungenschaften der Kultur, die Reinheit des Willens zur Wahrheit, in Frage." (S. 201-203)

Das ganze Buch von vorn nach hinten lesen wird man kaum wollen, das wäre sehr anstrengend und vielleicht zu viel des Guten; reizvoller ist es, sich in einzelne „Kapitel“ einzuarbeiten: Ontische Probleme – Genetische Probleme – Noetische Probleme – Axiologische Probleme (Wertfragen) – Aesthetische Probleme – Religiöse Probleme. Den „§ 1. Wesen und Erscheinung“ mit seiner elementaren philosophischen Unterscheidung sollte man jedoch in jedem Fall zuerst lesen.

https://archive.org/details/einleitungindiep00wind/page/n9/mode/2up (Windelband: Einleitung in die Philosophie. Zweite Auflage 1920)

https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Windelband (Wilhelm Windelband)

http://www.zeno.org/Philosophie/M/Windelband,%20Wilhelm/Lehrbuch%20der%20Geschichte%20der%20Philosophie (Windelband: Lehrbuch der Geschichte der Philosophie, 6. Auflage 1912)


Samstag, 29. Mai 2021

Logische Fiktionen (Vaihinger)

Unter der fiktiven Tätigkeit innerhalb des logischen Denkens ist die Produktion und Benutzung solcher logischen Methoden zu verstehen, welche mit Hilfe von Hilfsbegriffen — denen die Unmöglichkeit eines ihnen irgendwie entsprechenden objektiven Gegenstandes mehr oder weniger an die Stirn geschrieben ist — die Denkzwecke zu erreichen sucht. Anstatt sich mit dem gegebenen Material zu begnügen, schiebt die logische Funktion diese zwitterhaften und zweideutigen Denkgebilde ein, um mit ihrer Hilfe ihre Ziele indirekt zu erreichen, wenn die Sprödigkeit des entgegenstehenden Materials ein direktes Vorgehen nicht gestattet. Mit einer instinktiven, fast möchte ich sagen, verschmitzten Klugheit weiß die logische Funktion diese Schwierigkeiten durch diese Hilfsgebilde zu umgehen. Die speziellen Methoden, Umwege, welche das Denken einschlägt, wenn es auf der Linie des direkten Denkens nicht mehr fortkommen kann — Fußwege, die recht oft durch dorniges Gestrüpp führen, wodurch sich aber das logische Denken nicht aufhalten läßt, selbst wenn es von seiner logischen Reinheit und Unbeflecktheit etwas einbüßt — sind sehr mannigfacher Natur, und die Auseinanderlegung derselben ist eben unsere Aufgabe.

(HansVaihinger: Die Philosophie des Als Ob. Mit einem Anhang über Kant und Nietzsche. Hrsg. von Dr. Raymund Schmidt. Leipzig 1924, S. 13 – Diese Ausgabe ist von Schmidt gekürzt und etwas überarbeitet, genügt aber völlig zum Verständnis Vaihingers.)


 

Freitag, 28. Mai 2021

William James: Der Pragmatismus - Zusammenfassung

William James: Der Pragmatismus. Ein neuer Name für alte Denkmethoden. Volkstümliche philosophische Vorlesungen. Übersetzt von Wilhelm Jerusalem, Leipzig 1908

1. Vorlesung: Das gegenwärtige Dilemma in der Philosophie

besteht im Kampf der Rationalisten mit den Empiristen, der auf verschiedenen Temperamenten der beiden Typen beruht: zartfühlend, seicht, religiös (R.) vs. grobkörnig, brutal, materialistisch (E.) - das Bild ist etwas vereinfacht. Lösung des Streites: der Pragmatismus. / Wir beurteilen eine Philosophie nach unserer eigenen besonderen Empfindung für das allgemeine Wesen der Welt.

2. Vorlesung: Was will der Pragmatismus?

Das Prinzip des Pragm hat Peirce formuliert: Überzeugungen sind Regeln für unser Handeln. Bei einem Streit um die Wahrheit zweier Sätze muss man also fragen: Was für ein Unterschied würde sich praktisch für jemand ergeben, wenn das eine und nicht das andere Urteil wahr wäre? Der Pragm neigt sich der empiristischen Richtung zu. 1. Er ist nur eine Methode, keine Lehre: Theorien werden zu Werkzeugen unserer Weltbewältigung. 2. Wahrheitsbegriff: Die Wahrheit vermittelt alte Wahrheiten mit neuen Erfahrungen (genetische Wahrheitstheorie).

Breiten Raum nimmt die Frage ein, wie sich Pragm mit Religion verträgt: Wahr ist, was sich bei Überzeugungen als gut erweist. Der alte Gott der rationalistischen Prinzipien ist nicht zu halten. Der Pragm erweitert das Gebiet, auf dem man Gott suchen kann (in der Welt!).

3. Vorlesung: Einige metaphysische Probleme in pragmatischer Beleuchtung

Erstes Beispiel: die Unterscheidung Substanz-Attribute, durch die allein wir die „Substanz“ kennen. Den Substanzbegriff haben die Nominalisten als bloßen Namen kritisiert, ähnlich Berkeley (Materie), Locke (geistige Substanz der Person), Hume (Seele).

Zweites Beispiel: Materie-Geist als letzte Wirkkraft, Materialismus-Spiritualismus. Der Streit ist müßig, wenn man nur in die Vergangenheit schaut; beides könnte richtig sein. Aber der Materialismus bietet keine „Gewähr der Dauer für unsere ideellen Interessen und die Erfüllung unserer letzten Hoffnungen“, deshalb ist im Blick auf die Zukunft der Spiritualismus vorzuziehen.

Drittes Beispiel: Gibt es Zwecke in der Natur? Das ist seit Darwin nicht mehr glaubhaft, könnte aber durch Modifizierung des Gottesbegriffs aufgefangen werden. „Zweck“ ist eine leere Schablone; Vertrauen in die Zukunft ist die einzige pragmatische Bedeutung des Zweckbegriffs.

Viertes Beispiel: das Problem des freien Willens vs. Determinismus. Pragmatisch bedeutet „freier Wille“, dass in der Welt Neues entsteht; mit ihm ist eine Theorie der Verheißung, der Erlösung der Welt verbunden, rein intellektuell ist der Begriff dunkel.

Vierte Vorlesung: Einheit und Vielheit

Der Pragm diskutiert nicht die Wahrheit von Begriffen, sondern „erweitert mit Hilfe dieser Begriffe die Perspektiven“. Neues Beispiel: Einheit oder Vielheit der Dinge. Die Einheit der Welt wird gefühlsmäßig hoch geschätzt, sie kann gesehen werden als

  • einheitlicher Gegenstand des Denkens

  • Kontinuum

  • System von Wirkungslinien

  • kausale Einheit

  • generische Einheit (Gattungen von Einzelnen)

  • Einheit des Zwecks

  • ästhetische Einheit

  • allumfassende noetische Einheit.

Die Welt ist eine Einheit, aber auch wieder keine Einheit. Der Glaube an die umfassendeEinheit beruht letztlich auf mystischer Erfahrung; wir können uns aber auch andere Welten vorstellen (Nebeneinander; geordnete Vielheiten).

[James müsste eigentlich für den Monismus Partei ergreifen, wegen des Gefühl der Sicherheit.]

Fünfte Vorlesung: Der Pragmatismus und der gesunde Menschenverstand

Unsere Erkenntnis wächst schrittweise, in Absätzen. Neue Erfahrungen und alte Überzeugungen modifizieren sich gegenseitig. „Unsere fundamentalen Denkmethoden sind Entdeckungen unserer ältesten Ahnen und haben sich durch die folgenden Erfahrungen hindurch zu erhalten vermocht.“ Sie bilden Eine groe Phase des Gleichgewichtszustandes, und diese Phase ist der gesunde Menschenverstand“. Der ordnet die Ereignisse und Gegenständen mit Hilfe von Kategorien und macht sie so verständlich: Wir konzipieren Gattungen und Gattungen von Gattungen… Diese Begriffe haben sich bewährt, sie reichen für alle praktische Zwecke aus; aber sie halten der Prüfung durch Naturwissenschaft und kritische Philosophie nicht Stand. Gesunder Menschenverstand, naturwissenschaftliche Begriffe, philosophische Kritik sind verschiedene Darstellungsformen, die man nach ihrer Brauchbarkeit vergleichen kann, ohne einer einzigen die Wahrheit zuzuerkennen.

Sechste Vorlesung: Der Wahrheitsbegriff des Pragmatismus

Wahrheit gilt normalerweise als Übereinstimmung einer Vorstellung mit der Wirklichkeit. Der Pragm sagt jedoch: „Wahre Vorstellungen sind solche, die wir uns aneignen, die wir geltend machen, in Kraft setzen und verifizieren können. Falsche Vorstellungen sind solche, bei denen dies alles nicht möglich ist.“. Wahrheit liefert also wertvolle Mittel zu erfolgreichem Handeln. Sie ist „der Weg, auf dem wir von einem Stück der Erfahrung zu andern Stücken hingeführt werden, ud zwar zu solchen, die zu erreichen die Mühe lohnt“. Oft begnügen wir uns mit minimaler Verifikation oder verzichten darauf, solange nichts gegen unsere Vorstellung spricht. - Wahrheit gibt es auch im Bereich der rein geistigen Ideen (Prinzipien).

Übereinstimmung“ besagt: Wir werden zu den für uns wichtigen Dingen geführt. Wahrheit gilt nur innerhalb bestimmter Erfahrungsgrenzen, die sich verschieben können. - Es folgt eine Auseinandersetzung mit dem rationalistischen Wahrheitsbegriff.

Siebente Vorlesung: Pragmatismus und Humanismus

Im Anschluss an F. C. Schiller (London) ist festzuhalten, dass unsere Wahrheiten genauso wie unsere Rechtsnormen menschliche Erzeugnisse sind; die Welt ist das, was man aus ihr macht – das nennt Schiller Humanismus. Erkenntnis erfolgt in Schritten: stumme Sinneswahrnehmungen – Beziehungen zwischen ihnen herstellen – sie an alte Wahrheiten anpassen. Wahrheit ist unsere Überzeugung von der Wirklichkeit; es gibt keine Wahrheit an sich. Wir schaffen die Subjekte und die Prädikate unserer Aussagen (so auch Hermann Lotze, Mach u.a.), wie James u.a. am Beispiel des Winters demonstriert: Es gibt keinen „Winter“ an sich, sondern eine Reihe von Erfahrungen, Erwartungen und Gewohnheiten, die wir insgesamt Winter nennen. - Nach dem Pragm ist die Wirklichkeit noch im werden, eine unfertiger Prozess; gegenüber den Rationalisten mit ihren ewigen Wahrheiten sind die Pragmatisten ein wenig anarchistisch.

Achte Vorlesung: Pragmatismus und Religion

Der Nutzen der Annahme, es gebe das Absolute, hat sich in der Geschichte erwiesen. - Walt Whitmans Gedicht „Wer immer du bist, ich lege meine Hand auf Dich…“ wird zitiert, zwei möglichen Lesarten werden ausgeführt.

Ist die Vollkommenheit der Welt notwendiges Prinzip oder ein mögliches Endziel (so der Pragm)? Das führt zur Frage: Was heißt Möglichkeit? Wir selber können an unserer Stelle an der Erlösung der Welt mitwirken, als ein lebendiger Grund der Erlösung. James möchte den Pluralismus als Möglichkeit ernst nehmen und sich in der Religion des Mitwirkens zu ihm bekennen. - Der Pragm kann also religiös genannt werden.

https://archive.org/details/DerPragmatismusVonWilliamJames/page/n1/mode/2up?view=theater (James: Der Pragmatismus, 1908)

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Pragmatismus (Zusammenfassung des Buchs)

https://archive.org/details/pragmatismuseine00mace (John M. Mac Eachran: Pragmatismus, 1910)

https://archive.org/details/derwahrheitsbegr00znam (C. Znamierowski: Der Wahrheitsbegriff im Pragmatismus, 1912)

https://archive.org/details/jerusalemweiterentwicklungdpragmatismus (W. Jerusalem: Zur Weiterentwicklung des Pragmatismus, 1913)

https://de.wikipedia.org/wiki/Pragmatismus (Artikel „Pragmatismus“)

https://archive.org/details/derkritischeide01jerugoog/page/n12/mode/2up (W. Jerusalem: Der kritische Idealismus und die reine Logik, 1905)

Der Pragmatismus beruht „auf dem Grundgedanken, daß das Denken, welches Erkennen sein und Wissen werden will, vom Menschen um der Handlung (gr. pragma) willen geübt wird, für die er der leitenden Vorstellungen bedarf. Es ist nun gewiß richtig, daß der Mensch ursprünglich nur denkt, um zu handeln, und daß der psychologische Vorgang, der zum. Urteil, zum Bejahen oder Verneinen führt, durchweg emotionalen Charakters, d. h. mit Gefühlen und Willensvorgängen durchsetzt ist. Das Moment der Zustimmung, das Willensmoment im Urteil, bedarf als solches der Motive für seine bejahende oder verneinende Ausübung, und diese Motive bestehen für das Individuum wie für die Massen in Gefühlen der Lust und der Unlust, der Hoffnung und der Furcht, ebenso aber auch in den Wollungen, die diesen Gefühlen selbst schließlich zugrunde liegen. Aber diesen ganzen Naturprozeß des Fürwahrhaltens aus Gefühlen und Bedürfnissen haben wir bisher immer als Meinen bezeichnet, und eben in diesem Wesen der Meinung und ihrer Entstehungsart ist es begründet, daß ihre Geltung nur relativ und auf ihre Träger beschränkt ist. Selbst wo solche emotionalen Motive des Fürwahrhaltens aus den konstanten und bewußt fixierten Richtungen des Fühlens und Wollens herstammen, die man Charakter nennt, und wo deshalb die Meinungen zu Ueberzeugungen werden — welche Art des Fürwahrhaltens man dann wohl als G 1 a u b e n bezeichnet — , selbst da bleiben diese Bestimmungen für den Geltungskreis des emotional bestimmten Fürwahrhaltens maßgebend. Für das Erkennen und Wissen dagegen sollen alle diese Motive des Fürwahrhaltens ausgeschlossen sein und die Zustimmung nur aus den rein sachlichen Verhältnissen des Vorstellungsinhalts hervorgehen. Das ist das große Wunder und zugleich die sittliche Bedeutung der wissenschaftlichen Erkenntnis, daß sie keine andern Motive des Fürwahrhaltens haben und anerkennen soll als die Gründe, die im Gegenstande des Vorstellens und in der Gesetzmäßigkeit des Denkens selbst enthalten sind. Ein solches Bestreben, die Wahrheit um ihrer selbst willen, nicht wegen der Vorteile, die sie im Kampf ums Dasein gewähren soll, bedürfnislos zu suchen, ist ein Ergebnis psychologischer Uebertragungsprozesse, die sich in der Geschichte des menschlichen Geschlechts abgespielt haben, aber nur für das Bewußtsein sehr weniger Individuen maßgebend geworden sind. Diese rein sachliche Motivation der Zustimmung heißt Evidenz, und für sie ist daher eine Theorie der Wahrheit wie die pragmatistische völlig unzutreffend und unzulänglich. Denn es mag noch so einleuchtend gezeigt werden, daß die Menschen tatsächlich in ihrem Fürwahrhalten durch ihre Bedürfnisse bestimmt sind und daß ihnen als wahr nur gilt, was sie brauchen können — so ist doch eben auch dabei die Brauchbarkeit nicht mit der Wahrheit identisch, sondern nur ein Merkmal, um dessen willen die Wahrheitswertung eintritt. Logisch betrachtet, ist also der Pragmatismus eine groteske Verwechslung von Zweck und Mittel: kulturgeschichtlich betrachtet, bedeutet er freilich etwas ganz anderes, da stellt er sich als ein Sieg des noetischen Individualismus dar, der beim Niedergang unserer intellektuellen Kultur die elementare Macht des Willens entfesseln und auch auf das Reich des reinen Gedankens sich ergießen lassen möchte. Er stellt eine der größten Errungenschaften der Kultur, die Reinheit des Willens zur Wahrheit, in Frage." (W. Windelband: Einleitung in die Philosophie, 1920, S. 201-203)




Mittwoch, 26. Mai 2021

Frauen und Philosophie

daß nämlich die Frauen eine ganz besondere Begabung für die Philosophie besitzen. Ja, mir will sogar scheinen, als bestände zwischen der Philosophie und der Frau eine Art Urverwandtschaft, als stammten beide von einer gemeinsamen Urzelle ab. Ich will nur auf einige der frappantesten Ähnlichkeiten zwischen diesen beiden weiblichen Wesen hinweisen. Die Philosophie und die Frau haben beide die schwärmerischsten Verehrer und die erbittertsten Feinde gefunden. Trotz aller Forschung und allen Nachdenkens hat man das tiefste Wesen dieser beiden noch nicht ergründen können. Beide wollen das Unmögliche möglich machen, und schließlich wollen beide immer das letzte Wort haben.

(WilhelmJerusalem: Philosophische Plauderei über die Zeit. In: Gedanken und Denker. Gesammelte Aufsätze, Wien und Leipzig 1905, S. 273)


Montag, 24. Mai 2021

Philosophie und Lebenskunst

 

 Zu einem Aufsatz Ulrich Steinvorths in „Aufklärung und Kritik“ 14/2008, S. 8 ff.

Ich werde den Aufsatz in Steinvorths Perspektive referieren (also ohne indirekte Rede usw.), meine Aufragen dazu stehen in Didot.

1. Kann und sollte Philosophie Regeln der individuellen Lebensführung aufstellen?

Zunächst werden Vorfragen um den Begriff der Lebenskunst und des Lebenskünstlers diskutiert. Dann werden zwei Gegenargumente diskutiert: (1) Die schöne Literatur führt individuelle Fälle des Lebensführung vor, die wir intuitiv erkennen und bedenken. (2) Philosophie hat es mit dem Öffentlichen, nicht mit dem Privaten zu tun. Dem wird entgegnet, dass Philosophie als Kritik und mit Metaregeln zur individuellen Lebensführung beitragen kann, wenn sie die gesellschaftlichen Verhältnisse berücksichtigt. - Der Philosophie als dem kritischen Denken stehen die Logik und der gesunde Menschenverstand zur Verfügung, auch gegenüber anderen Fachleuten für Lebensführung.

Die Ausgangsfrage ist nur sehr allgemein, also bisher unzureichend beantwortet.

2. Kritik an Vorstellungen, wie man leben sollte

a. Sippenorientierung

Die Forderung, für die eigene Sippe zu leben zu leben und zu sterben, , beantwortet nicht die Frage, welchen Zweck die Sippe (Gruppe) hat. Das zeigt sich konkret an der Frage, wozu wir Kinder großziehen, die wiederum Kinder großziehen, die wiederum Kinder großziehen… das ist eine sinnlose Reihe.

Dieses Argument zählt nur, wenn die regelsetzende Instanz absolut sein muss; für die Geltung von Regeln genügt, dass sie dem Individuum einen Rahmen für sein Leben bieten. Es müsste diskutiert werden, wie die Frage, wie man leben soll, mit der Frage, wozu man lebt, zusammenhängt.

Religiös vermittelte Unsterblichkeit und der Bezug auf die Nation anstelle der Sippenorientierung werden verworfen. - Die Unsterblichkeit fällt unter b., die Nation ist nur die Großform der Sippe.

b. Individualismus

In den Erlösungsreligionen war die Erlösung des Individuums das Ziel; der moderne Individualismus schließt auch den Egoismus ein. Die Regeln des Marktes erlauben den schrankenlosen Egoismus, der zum Wohl aller führe (Mandevilles Bienenfabel usw.). Die radikale Markttheorie ist gescheitert, doch muss an der Wertschätzung des Individuums festgehalten werden.

Die Verbindung der Frage, wie man leben soll, mit ökonomischen Fragen zeigt, wie komplex eine Antwort sein muss, die jahrelanges Studieren voraussetzt.

c. Glück

Heute streben die Individualisten nach dem eigenen Glück; nach Bentham heißt das: Lust vermehren, Schmerz vermindern. Da man aber nicht nach dem Glück streben muss, bietet die Glücksorientierung kein verbindliches Ziel.

Die Verbindung von Glück mit der Frage des Determinismus ist gesucht, nicht sachlich notwendig. Die entscheidende Frage, wie der Einzelne glücklich wird, kann aber nicht allgemein beantwortet werden, wie Kant gezeigt hat: Es gebe nur Regeln, wie man zu leben habe, um normalerweise glücklich zu werden.

3. Metaregeln

sind Regeln, wie man am besten eine individuell angemessene Lebensführung findet.

Hier steckt das offene Problem im Attribut „angemessen“ – wem angemessen?

Es hat in der Philosophiegeschichte von Sokrates bis zum Utilitarismus gescheiterte Versuche gegeben, Metaregeln zu formulieren. Trotzdem gibt es zwei Ausgangspunkte für die gesuchten Metaregeln:

a. Authentizität

besteht darin, sich von der Herrschaft des Man zu befreien (Heidegger: Eigentlichkeit). Bedingungen dafür sind Mut, Selbstbewusstsein und eigenes Urteil (Abwägen aller erkennbaren Gründe pro/contra). Die Idee des authentischen Selbst ist problematisch; man wird authentisch durch gutes und waches Urteilen, und das wiederholt – aber es gibt keine authentischen Gründe. Vielmehr muss man den besten Gründen folgen, keinen relevanten Grund unterdrücken, auch willkürliche Entscheidungen – falls nötig – nicht scheuen und evtl. Entscheidungen revidieren.

Diese vier Regeln sind gut, aber vage. Vielleicht sollte man auf Bollnows Überlegungen zurückgreifen, dass man sich in einer Krise vom Man befreien kann; damit wird Heideggers Idee, nur im Vorlaufen auf den Tod gewinne man seine Eigentlichkeit, kritisiert und verallgemeinert.

b. Falsifizierbarkeit

Das Problem des Revidierens tritt auf, wenn wir etwas beenden wollen, aber nur mit Schäden für uns oder andere beenden können. Aus Poppers Wissenschaftstheorie kann man die Idee des Falsifikators übernehmen: vom Kriterium des wissenschaftlichen Fortschritts zum Kriterium eines Fortschritts in individueller Lebensführung. Diese Idee lässt der Revision von Lebensentscheidungen viel Spielraum in der Anwendung, verhindert eine Revision aus bloßer persönlicher Unzufriedenheit.

Sie regt zumindest an, über die Gründe einer möglichen Revision nachzudenken.

Fazit: Die philosophische Theorie bietet also keine feste Antwort auf die Frage nach der Lebenskunst, kann aber vor phantastischen Theorien schützen – und das wache Urteil nicht ersetzen.

Wenn man den ganzen Aufsatz überblickt, ergibt sich, dass verbindliche Regeln dafür, wie man richtig lebt, nur allgemein sein können; dass die Idee der Metaregeln zwar Orientierung, aber auch großen Spielraum bietet; dass sie deshalb nicht davor schützen, sein Leben zu verfehlen, weil letztlich nicht zu ermitteln ist, was die besten Gründe sind... Am ehesten ermittelt man sie in einem Dialog, zumindest im Dialog mit sich selbst. Dem Fazit Steinvorths ist zuzustimmen.

https://archive.org/details/2008_Aufklaerung-u-Kritik_Glueck-u-Lebenskunst/page/8/mode/2up (Steinvorths Aufsatz)

Montag, 17. Mai 2021

Rousseau: Bekenntnisse - gelesen

Die „Bekenntnisse“ sind 1782 erschienen, vier Jahre nach dem Tod ihres Verfassers. In den Bekenntnissen erzählt und rechtfertigt Rousseau sein Leben bis 1765: Es war das unstete Leben eines Autodidakten, das ihn durch mehre Länder, mehrere Berufe, mehrere Konfessionen, mehrere Liebschaften, viele Freund- und fast genauso viele Feindschaften geführt hat. Die Bekenntnisse sind darauf angelegt, Rousseau als einen gutwilligen, gelegentlich schwachen, doch stets tugendhaften Menschen zu zeichnen, der allerdings von charakterlich schwachen Zeitgenossen verleumdet und am Ende wegen seines „Emile“ vertrieben und verfolgt wurde. Zur Herausgabe seiner Werke sagt er, auch mit Berufung auf seine Lebensgeschichte: „Ich bedurfte gegen meine Verleumder keiner anderen Verteidigung. Sie konnten unter meinem Namen einen anderen Menschen schildern, aber sie konnten mit dieser Schilderung nur die täuschen, die getäuscht sein wollten. Sie mochten immerhin die Geschichte meines Lebens von einem Ende zum andern beanmerken, beglossieren und deuteln, so war ich doch gewiß, daß man durch meine Fehler und meine Schwächen hindurch, durch meine Unfähigkeit, ein Joch irgendwelcher Art zu tragen – daß man alles dessen ungeachtet in mir den gerechten guten Mann ohne Galle, ohne Haß, ohne Neid, den Mann mit der größten Bereitwilligkeit, seine eigenen Fehler zu erkennen, und mit der noch größeren, fremde Fehler zu vergessen, den Mann, der in allen Dingen die Aufrichtigkeit bis zur Unklugheit trieb und bis zur unglaublichsten Uneigennützigkeit – daß man diesen in mir nicht verkennen würde.“ Das ist schon sehr selbstgerecht, und nachdem ich die Bekenntnisse (wenn auch nur in der gekürzten Fassung) gelesen habe, glaube ich dem Autor nur die Hälfte.

Rousseau war zeitlebens darauf angewiesen, dass sich gute Seelen um ihn kümmerten, zuerst „Mama“, die ihn auch zum Mann machte; dann öfter Adelige, durch die er in die feinere Gesellschaft kam, der er sich aber gern – zumindest teilweise – durch ein ländliches Leben in der Einsamkeit entzog. Von seinen Büchern spricht er wenig, am ehesten noch über Julie und vor allem den Emile, der ihm viele Unannehmlichkeiten bereitet hat. Sicher hat er sich nicht so gut gekannt, wie er beansprucht. Aber sein Selbstbewusstsein hat vor nichts zurückgeschreckt: „Ich beginne ein Unternehmen, von dem es kein Beispiel gibt und dessen Ausführung keine Nachahmer finden wird.“ Im zehnten Buch erzählt Rousseau, dass Rey angeregt habe, er solle die Geschichte seines Lebens aufschreiben. „Ich beschloß also, ein durch beispiellose Wahrheitsliebe einziges Werk daraus zu schaffen: man sollte, dies war mein Zweck, wenigstens einmal einen Menschen so kennen lernen, wie er innerlich ist.“ Das Ergebnis davon ist, dass wir einen Menschen sehen, wie er gern gewesen wäre.

Mit größerer Begeisterung habe ich vor Jahren Ludwig Harigs Rousseau-Buch, eine verfremdende Überarbeitung der Bekenntnisse, gelesen: Rousseau: Der Roman vom Ursprung der Natur im Gehirn. Carl Hanser Verlag 1978.

Jean-Jacques Rousseau‘s Bekenntnisse. Hrsg. von Otto Fischer, München 1912 (gekürzte Fassung, immerhin noch 500 Seiten) https://archive.org/details/bekenntnisse00rous/page/n9/mode/2up

J.-J. Rousseau: Bekenntnisse. Unverkürzt aus dem Französischen übertragen von Ernst Hardt. Berlin 1907 https://archive.org/details/bub_gb_b82aLYs_7SEC/page/n1/mode/2up

https://blogs.fu-berlin.de/menschenbilder/2017/12/03/der-mensch-ist-von-natur-aus-gut-ich-glaube-es-nachgewiesen-zu-haben-rousseau-1755/ (sein Menschenbild)

https://www.tagesspiegel.de/kultur/jean-jacques-rousseau-querkopf-der-aufklaerung/6788314.html (der Mensch)

 


Sonntag, 2. Mai 2021

Musik, Tanzen, Denken in der antiken Philosophie

Aber [neben Augustinus, N.T.] auch Platon wie auch Aristoteles verwendeten die Macht der Musik, um mit ihrer Hilfe die des Philosophierens noch nicht mächtigen Seelen der Kinder den wohltätigen Wirkungen der Vernunft aussetzen zu können. Dort wo das Denken noch nicht genügend entwickelt ist, sollten Musik und Tanz als Stütze und gleichsam als Ersatz für die noch fehlende Vernunft dienen. (…)

Die Fähigkeit der Musik, die Vernunft in der Erziehung des Menschen gleichsam zu substituieren bzw. deren Wirkungen zu verstärken, verdankt sie einer doppelten Beziehung: Einerseits spiegelt sich in der Harmonie der Töne strukturell die durch die Vernunft erzeugte Ordnung des Kosmos wider und andererseits wird gerade diese Ordnung der Vernunft durch die Macht der Musik auch an die nicht-vernünftigen Teile der Seele weitergeben (Timaios 80b).

Markus Arnold: Die Erfahrung der Philosophen, 2010, S. 143 f.

(Das Buch von Markus Arnold kann man übrigens als pdf gratis herunterladen, s. "Markus Arnold"!)

Sonntag, 18. April 2021

Antisemitismus der Gebildeten 1870

Der Jude ist feige von Natur, und bekommt nur dann Muth, wenn er fanatisirt wird; ganz besonders feig aber ist er dem Tode gegenüber, und noch heute kann man sehen, wie leidlich gebildeten Juden „schwach wird“, wenn von Sterben und dem, was damit zusammenhängt, die Rede ist. Dagegen hat der Jude als positive Seite dieses potenzirten Instincts der Todesfurcht eine fast krampfhafte Liebe zum Leben; das Leben auch in seiner schimpflichsten Gestalt zu ertragen, wird ihm bei seinem Mangel an Ehrgefühl leicht, und mitt katzenartiger Zähigkeit weiß er auch in solchen Lagen, wo jeder Andere verzweifelt, vom Schicksal sein Weiterleben, ja seinen Wiederaufschwung zu ertrotzen. Dieses Naturell macht den Juden zum geborenen Optimisten. Leben ist ihm Seligkeit, Todtsein Unseligkeit; Leben auch im tiefsten Elend ist ihm höchste Wonne, Todtsein der Inbegriff aller Schrecken. Was der Jude Spinoza später mit einem sehr unglücklichen Sophisma zu beweisen versuchte, daß das schlechteste Dasein immer noch dem Nichtsein vorzuziehen sei, ist dem Juden von jeher höchste instinctive Wahrheit und Grundstein seiner Weltanschauung gewesen. Jehovah weiß seinem Volke keine lockendere Verheißung zu geben, als „daß Dir‘s wohl gehe und du lange lebest auf Erden“; er weiß ihm kein furchtbareres Schreckbild als Drohung vorzuhalten, als einen plötzlichen Tod, d.h. das, was heute jeder verständige Germane sich wünscht. (F. A. Müller = E. von Hartmann: Briefe über die christliche Religion, Stuttgart 1870, S. 51 f., https://books.google.de/books?id=Q7BTAAAAcAAJ&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false)


Freitag, 16. April 2021

E. von Hartmann: Die Selbstzersetzung des Christentums

Beinahe auf den Tag habe ich vor vier Jahren G. Vermes: Vom Jesus der Geschichte zum Christus des Dogmas (2016) im Blog norberto42 besprochen. Jetzt lese ich gerade Schriften des Philosophen Eduard von Hartmann (1842-1906). Dabei stelle ich fest, dass die Ergebnisse der neueren Forschungen im Prinzip bereits vor 150 Jahren bekannt waren: Unter dem Namen F. A. Müller hat von Hartmann 1870 „Briefe über die christliche Religion“ geschrieben, auf die er in seinen späteren Büchern „Die Selbstzersetzung des Christenthums“ und „Die Krisis des Christenthums in der modernen Theologie“ (1880) zurückgreift, ohne auf die Berücksichtigung neuerer Literatur zu verzichten.

Das Ergebnis der Untersuchungen von Hartmanns, der sich auf Theologen wie F. C. Baur und B. Weiss stützte, ist ganz schlicht: Jesus war ein Jude, trat als Prophet des nahen Gottesreiches auf und glaubte an den unmittelbar bevorstehenden Weltuntergang als dessen Bedingung; an eine christliche Kirche hat er nie gedacht. Das Christentum ist wesentlich von Paulus gestiftet worden und machte aus Jesus den wesenhaften Gottessohn, der zugleich wahrer Gott und wahrer Mensch sei und durch seinen Opfertod die Menschen von der Sünde zu ewigem Leben erlöst habe. Dieses Zentraldogma und die damit verbundenen Dogmen halten einer kritischen Prüfung nicht Stand – infolge des protestantischen Prinzips verschwänden die biblischen Mythen und zersetze sich das Christentum selbst: „Wer (…) gegen die absolute dogmatische Autorität der Kirche protestirt und sich das Recht der freien Forschung und der religiösen Gewissensfreiheit wahrt, der wird kaum umhin können, auch den Glauben an die unfehlbare Inspiration der Verfasser der canonischen Schriften fallen zu lassen.“ Der moderne Kulturprotestantismus klammere sich zwar noch an den Namen Christentum, könne aber mit dem Zentraldogma vom Erlösungstod Jesu und der Auferstehung nichts mehr anfangen.

Als ich 1961 mit dem Studium der katholischen Theologie begann, waren mir solche Gedanken natürlich fremd, wenn ich auch wesentlich von der Frage angetrieben war, was es mit Gott und Jesus auf sich habe; dazu kam dann bald die unbeantwortbare Frage, wieso wir erlöst seien – und im Lauf des Studiums stieß ich auf die protestantischen Theologen, die mehr oder weniger verschämt darlegten, was seit Eduard von Hartmanns Darstellung alle Theologen wussten, die es wissen wollten.

Hätte ich Eduard von Hartmann 1961 gekannt, hätte ich mir das Theologiestudium ersparen können. Aber wie schon Nietzsche sagte, man entdeckt später, dass man in seiner Jugend nicht die richtigen Lehrer gefunden hat, obwohl es sie gab.

https://de.wikipedia.org/wiki/Eduard_von_Hartmann

https://de.wikisource.org/wiki/Eduard_von_Hartmann

https://www.information-philosophie.de/?a=1&t=812&n=2&y=1&c=63 (umfangreich)

https://books.google.de/books?id=Q7BTAAAAcAAJ&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false F. A. Müller: Briefe über die christliche Religion, 1870. Überarbeitung: https://archive.org/details/daschristentumde0000hart/page/n3/mode/2up E. von Hartmann: Das Christentum des NT, 1905

https://archive.org/details/dieselbstzersetz00hart/page/n5/mode/2up E. von Hartmann: Die Selbstzersetzung des Christenthums und Die Religion der Zukunft, darin v.a. S. 34 ff.: Das Paulinische und das Johanneische Christenthum; S. 41 ff.: Das Christenthum Christi

https://archive.org/details/diekrisisdeschr00hartgoog/page/n6/mode/2up E. von Hartmann: Die Krisis des Christentums in der modernen Theologie, 1880, darin S. 1 ff.: Das christliche Centraldogma und seine unheilbare Auflösung


Dazu zwei Stellen aus Nietzsche:

An dieser Stelle liegt seine [Schopenhauers, N.T.] ganze Rechtschaffenheit: der unbedingte redliche Atheismus ist eben die Voraussetzung seiner Problemstellung, als ein endlich und schwer errungener Sieg des europäischen Gewissens, als der folgenreichste Akt einer zweitausendjährigen Zucht zur Wahrheit, welche am Schlusse sich die Lüge im Glauben an Gott verbietet... Man sieht, was eigentlich über den christlichen Gott gesiegt hat: die christliche Moralität selbst, der immer strenger genommene Begriff der Wahrhaftigkeit, die Beichtväter-Feinheit des christlichen Gewissens, übersetzt und sublimiert zum wissenschaftlichen Gewissen, zur intellektuellen Sauberkeit um jeden Preis. (F. Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft, 357)

Alle großen Dinge gehen durch sich selbst zugrunde, durch einen Akt der Selbstaufhebung: so will es das Gesetz des Lebens, das Gesetz der notwendigen »Selbstüberwindung« im Wesen des Lebens – immer ergeht zuletzt an den Gesetzgeber selbst der Ruf: »patere legem, quam ipse tulisti.« Dergestalt ging das Christentum als Dogma zugrunde, an seiner eignen Moral; dergestalt muß nun auch das Christentum als Moral noch zugrunde gehn – wir stehen an der Schwelle dieses Ereignisses. Nachdem die christliche Wahrhaftigkeit einen Schluß nach dem andern gezogen hat, zieht sie am Ende ihren stärksten Schluß, ihren Schluß gegen sich selbst; dies aber geschieht, wenn sie die Frage stellt »was bedeutet aller Wille zur Wahrheit?« ... Und hier rühre ich wieder an mein Problem, an unser Problem, meine unbekannten Freunde (– denn noch weiß ich von keinem Freunde): welchen Sinn hätte unser ganzes Sein, wenn nicht den, daß in uns jener Wille zur Wahrheit sich selbst als Problem zum Bewußtsein gekommen wäre?.. (F. Nietzsche: Zur Genealogie der Moral. Dritte Abhandlung, 27)