Mittwoch, 17. Juli 2019

Unvermeidbare Schuld


O, mein Freund, ein guter Mensch verspricht durch seine Gegenwart nur immer zu viel! Das Vertrauen, das er hervorlockt, die Neigung, die er einflößt, die Hoffnungen, die er erregt, sind unendlich; er wird und bleibt ein Schuldner, ohne es zu wissen.“ (Frau Melina zu Wilhelm, in „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, siebentes Buch, 8. Kapitel)

Montag, 15. Juli 2019

Postulat der Selbstverwirklichung bei Goethe


Daß ich Dir's mit einem Worte sage: mich selbst, ganz wie ich da bin, auszubilden, das war dunkel von Jugend auf mein Wunsch und meine Absicht. Noch hege ich eben diese Gesinnungen, nur daß mir die Mittel, die mir es möglich machen werden, etwas deutlicher sind. Ich habe mehr Welt gesehen, als Du glaubst, und sie besser benutzt, als Du denkst. Schenke deswegen dem, was ich sage, einige Aufmerksamkeit, wenn es gleich nicht ganz nach Deinem Sinne sein sollte.
Wäre ich ein Edelmann, so wäre unser Streit bald abgetan; da ich aber nur ein Bürger bin, so muß ich einen eigenen Weg nehmen, und ich wünsche, daß Du mich verstehen mögest. Ich weiß nicht, wie es in fremden Ländern ist, aber in Deutschland ist nur dem Edelmann eine gewisse allgemeine, wenn ich sagen darf, personelle Ausbildung möglich. Ein Bürger kann sich Verdienst erwerben und zur höchsten Not seinen Geist ausbilden; seine Persönlichkeit geht aber verloren, er mag sich stellen, wie er will. Indem es dem Edelmann, der mit den Vornehmsten umgeht, zur Pflicht wird, sich selbst einen vornehmen Anstand zu geben, indem dieser Anstand, da ihm weder Tür noch Tor verschlossen ist, zu einem freien Anstand wird, da er mit seiner Figur, mit seiner Person, es sei bei Hofe oder bei der Armee, bezahlen muß, so hat er Ursache, etwas auf sie zu halten und zu zeigen, daß er etwas auf sie hält. Eine gewisse feierliche Grazie bei gewöhnlichen Dingen, eine Art von leichtsinniger Zierlichkeit bei ernsthaften und wichtigen kleidet ihn wohl, weil er sehen läßt, daß er überall im Gleichgewicht steht. Er ist eine öffentliche Person, und je ausgebildeter seine Bewegungen, je sonorer seine Stimme, je gehaltner und gemessener sein ganzes Wesen ist, desto vollkommner ist er. Wenn er gegen Hohe und Niedre, gegen Freunde und Verwandte immer ebenderselbe bleibt, so ist nichts an ihm auszusetzen, man darf ihn nicht anders wünschen. Er sei kalt, aber verständig; verstellt, aber klug. Wenn er sich äußerlich in jedem Momente seines Lebens zu beherrschen weiß, so hat niemand eine weitere Forderung an ihn zu machen, und alles übrige, was er an und um sich hat, Fähigkeit, Talent, Reichtum, alles scheinen nur Zugaben zu sein.
Nun denke Dir irgendeinen Bürger, der an jene Vorzüge nur einigen Anspruch zu machen gedächte; durchaus muß es ihm mißlingen, und er müßte desto unglücklicher werden, je mehr sein Naturell ihm zu jener Art zu sein Fähigkeit und Trieb gegeben hätte.
Wenn der Edelmann im gemeinen Leben gar keine Grenzen kennt, wenn man aus ihm Könige oder königähnliche Figuren erschaffen kann, so darf er überall mit einem stillen Bewußtsein vor seinesgleichen treten; er darf überall vorwärts dringen, anstatt daß dem Bürger nichts besser ansteht, als das reine, stille Gefühl der Grenzlinie, die ihm gezogen ist. Er darf nicht fragen ›Was bist du?‹, sondern nur ›Was hast du? welche Einsicht, welche Kenntnis, welche Fähigkeit, wieviel Vermögen?‹ Wenn der Edelmann durch die Darstellung seiner Person alles gibt, so gibt der Bürger durch seine Persönlichkeit nichts und soll nichts geben. Jener darf und soll scheinen; dieser soll nur sein, und was er scheinen will, ist lächerlich oder abgeschmackt. Jener soll tun und wirken, dieser soll leisten und schaffen; er soll einzelne Fähigkeiten ausbilden, um brauchbar zu werden, und es wird schon vorausgesetzt, daß in seinem Wesen keine Harmonie sei noch sein dürfe, weil er, um sich auf eine Weise brauchbar zu machen, alles übrige vernachlässigen muß.
An diesem Unterschiede ist nicht etwa die Anmaßung der Edelleute und die Nachgiebigkeit der Bürger, sondern die Verfassung der Gesellschaft selbst schuld; ob sich daran einmal etwas ändern wird und was sich ändern wird, bekümmert mich wenig; genug, ich habe, wie die Sachen jetzt stehen, an mich selbst zu denken, und wie ich mich selbst und das, was mir ein unerläßliches Bedürfnis ist, rette und erreiche.
(Auszug aus einem Brief Wilhelms, in „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ V 3, siehe http://www.zeno.org/Literatur/M/Goethe,+Johann+Wolfgang/Romane/Wilhelm+Meisters+Lehrjahre/F%C3%BCnftes+Buch/Drittes+Kapitel !)

Montag, 8. Juli 2019

In der Wahrheit bestehen


Der Mensch besteht in der Wahrheit. Giebt er die Wahrheit Preis, so gibt er sich selbst Preis. Wer die Wahrheit verräth, verräth sich selbst. Es ist hier nicht die Rede von Lügen, sondern vom Handeln gegen Ueberzeugung.“ Novalis (in: Akkorde Deutscher Classiker über Philosophie des Lebens, Carlsruhe 1818, S. 110 = § 220) „Als aber der Zirkel [der Vergnügungen mit Freunden, nach dem Tod des Vaters, N.T.] durchlaufen war, sah ich, daß das unschätzbare Glück der Freiheit nicht darin besteht, daß man alles tut, was man tun mag, und wozu uns die Umstände einladen, sondern daß man ohne Hindernis und Rückhalt, auf dem geraden Wege tun kann, was man für recht und schicklich hält, und ich war alt genug, in diesem Falle ohne Lehrgeld zu der schönen Überzeugung zu gelangen.“ (Aus Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, 6. Buch: Bekenntnisse einer schönen Seele)

Es ist erstaunlich oder auch nicht, dass die entscheidende Einsicht darin, wie man richtig lebt, den Menschen seit Jahrtausenden geläufig und von modischer Philosophie unabhängig ist: Sokrates, Novalis, Goethe, Vaclav Havel...

Mittwoch, 22. Mai 2019

Gute Taten - Narzissmus - reines Herz

(aus einem Brief)


Heute möchte ich einen ersten Teil der Antwort schreiben, der sich auf deine Überlegungen zum (ärztlichen) Überengagement und dessen mögliches Motiv (Narzissmus) bezieht. Ich kann sie gut nachvollziehen, weil ich als Lehrer auch nicht an einem Mangel des Engagements gelitten und mich über viele faule Kollegen geärgert habe.
Mit der Gegenüberstellung von Engagement und Narzissmus greifst du ein altes Denkschema auf, das auf der Spannung zwischen den guten Werken (Taten) und dem (reinen) Herzen beruht. Einerseits werden von den Menschen gute Werke gefordert, die dann im Buch des Lebens verzeichnet sind oder auf der Waage beim Totengericht abgewogen werden. Anderseits gibt es eine Polemik dagegen, die im NT etwa in der Kritik an den Pharisäern und in der Seligpreisung derer, „die reinen Herzens sind“ (= ohne Narzissmus), zu finden ist. Du siehst schon an dieser Dualität, die nie entschieden worden ist (bzw. im NT zugunsten des „Glaubens“ bzw. der „Umkehr“entschieden wird, wonach dann das Herz rein und bereit zu guten Werken sein soll), dass wir hier mit einem Denkwerkzeug arbeiten, das eine Relativierung der beiden Extreme erlaubt, ohne das jeweils gegenteilige in ein absolutes Recht zu setzen – immer wieder werden die beiden Positionen relativiert (der Glaube zum Beispiel durch die Warnung davor, bloß „Herr, Herr“ zu sagen, statt „den Willen des Vaters zu tun“; das reine Herz zum Beispiel durch die Einsicht Gottes bei der Sintflut, dass des Menschen Herz böse ist von Jugend auf).
Wenn man diese Überlegungen auf deine Frage anwendet, kann man sagen: Das Engagement ist wichtig und richtig (besser als „Dienst nach Vorschrift“ oder schlampiges und uninteressiertes Arbeiten), aber es ist nicht alles; du hast nicht nur Pflichten in deiner Funktion als Ärztin, sondern auch als Mensch dir selbst und anderen lieben Menschen gegenüber. Darauf komme ich gleich mit dem Hinweis auf Max Weber zu sprechen.
Die Abwertung des Engagements mit dem Hinweis auf den Narzissmus ist deshalb nicht berechtigt (auch wenn es tatsächlich den Narzissmus gibt), weil wir das reine Herz für eine „ideale“ Hilfskonstruktion halten müssen. Bei Nietzsche findest du dafür schöne Bilder: dass man sich auch in schmutzigem Wasser waschen kann oder, noch schöner, dass manche Pflanzen mit bunten Blüten im Sumpf wurzeln. Freudianisch gesprochen kann das Ich seine Verwurzelung im Es nicht abstreifen; das solltest du anderen, aber auch dir selbst zugute halten.
Max Weber hat es im Bild gesagt: dass wir verschiedenen Göttern dienen (du also nicht nur dem Asklepios), und er hat die Gesinnungsethik des reinen Herzens konsequent abgelehnt; die beiden Vorträge „Wissenschaft als Beruf“ und „Politik als Beruf“ (vor allem den ersten!) von 1919 solltest du unbedingt mal lesen; sie sind heute noch lehrreich: https://de.wikisource.org/wiki/Wissenschaft_als_Beruf; https://www.textlog.de/2296.html („Politik als Beruf“, darin der Abschnitt über Gesinnungs- und Verantwortungsethik).
Die Dualität von guten Werken und reinem Herzen findet sich auch in der Rede vom „reinen Gewissen“, die selber problematisch ist, und vom guten Willen (Kant), der auch nur ein Konstrukt ist, wieder; es genügt jedoch, wenn man die Dualität von guten Werken und dem reinen Herzen verstanden hat. Dann kann man getrost an seine Arbeit gehen „und der Forderung des Tages gerecht werden“ (Max Weber, mit einem Goethe-Zitat).
Noch ein kurzes Nachwort: Wie schwierig es ist, elementare Begriffe (wie „reines Herz“ oder „gute Taten“) „exakt“ zu bestimmen, wussten schon die Griechen; das kannst du z.B. im platonischen Dialog „Eutyphron“ nachlesen, wo es nicht gelingt, zu klären, was letztlich fromm ist. Ich meine aber, gezeigt zu haben, dass wir mit dieser Unschärfe gut leben können, dass sie sogar fruchtbar ist für die kritische Lockerung des allzu schnell Verfestigten. Schlimm wird es deshalb, wenn man Glaubensbekenntnisse als allein wahr beschwören muss - beruhen sie doch auch auf unscharfen Begriffen.

Freitag, 19. April 2019

Opferkult und Populismus


Vor einigen Tagen ist ein Bus in Madeira verunglückt; dabei sind 29 Menschen gestorben. Das ist schlimm, aber auch nicht so schlimm, wie darum Bohei gemacht wird (tagelang Berichte im Fernsehen, Außenminister Maas fliegt mit Helfern eigens hin, er verspricht den Opfern Hilfe…).
Wieso ist das nicht so schlimm, wie es in der Öffentlichkeit dargestellt wird? In den Sommermonaten sterben in Deutschland rund 300 Menschen pro Monat im Straßenverkehr (https://de.statista.com/statistik/daten/studie/161724/umfrage/verkehrstote-in-deutschland-monatszahlen/). Darum kümmert sich die Bundesregierung einen Scheißdreck, Verkehrsminister Scheuer lehnt die Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h vehement ab, den Opfern verspricht niemand Hilfe, die Toten werden allenfalls in der regionalen Presse erwähnt. Als ob 29 Tote auf einmal schlimmer wären als zehnmal 29 Tote in einem Monat. Das Gekreisch der Medien und des Ministers Maas ist Populismus in Reinkultur – öffentlich demonstrierte Betroffenheit – dabei interessieren ihn die Toten vermutlich überhaupt nicht. Oder sollten ihn die Toten von Madeira tatsächlich interessieren, nicht aber die Toten auf deutschen Straßen?

Mittwoch, 27. März 2019

G. R. Collingwood: Denken. Eine Autobiographie (1955) - vorgestellt


1939 hat Robin George Collingwood seine Autobiografie veröffentlicht, 1955 ist sie auf Deutsch erschienen, mit einem Vorwort Gadamers. Ich habe das Buch erstmals vor rund vierzig Jahren gelesen und daraus vor allem eine bleibende und wirksame Erkenntnis gewonnen: Erkenntnis ist eine Antwort auf eine Frage. Damit knüpft Collingwood an Bacon und Descartes an: „Denn beide hatten schlicht und einfach gesagt, daß Erkenntnis nur durch die Beantwortung von Fragen gewonnen wird, aber auch, daß diese Fragen die richtigen sein und in der richtigen Reihenfolge gestellt werden müssen. Die Arbeiten, in denen sie das ausführten, hatte ich oft gelesen, aber ich verstand sie erst, als ich meinerseits dasselbe herausgefunden hatte.“ Diese Erkenntnis entfaltet Collingwood in Auseinandersetzung mit den zeitgenössischen „Realisten“ bzw. Positivisten.
Der zweite große Komplex befasst sich mit der Frage, wie geschichtliche Erkenntnis möglich ist und wozu sie gut ist. Dieser Komplex stützt sich auch auf Collingwoods Grabungen und Schriften zur Geschichte des römischen Britannien. Kern seiner Einsichten ist vielleicht, dass die Geschichte nicht einfach „vorbei“ ist, sondern nur verstanden wird, wenn sie als eingekapselte in der Gegenwart weiterlebt. Darüber hinaus gilt auch hier natürlich wieder das Prinzip von Frage und Antwort: Platon hat zum Beispiel nicht ewige Probleme behandelt; wir verstehen Platon nur, wenn wir zuvor seine Fragen verstehen, wenn diese auch normalerweise sich erst aus den Texten ergeben resp. rekonstruieren lassen.
Der dritte Komplex ist der Bedeutung der Moralphilosophie und dem Verhältnis von Theorie und Praxis gewidmet, hier der englischen Politik in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts. Dieses letzte Kapitel ist heute am ehesten „überholt“, da sehr speziell.
Ich selber habe von Collingwood das Prinzip von Frage und Antwort gelernt und für die Textanalyse in Deutsch und Philosophie fruchtbar zu machen gesucht. Und bei der neuen Lektüre des Buches gestern und heute hat mich dieser Aspekt auch am meisten wieder interessiert. - Collingwood hat vor achtzig Jahren ein Buch geschrieben, das zu lesen auch heute noch lohnt. Man muss sehr gut suchen, um noch ein antiquarisches Exemplar zu finden.
P.S. Kropotkin berichtet in seinen „Memoiren eines Revolutionärs“ (it 21, 1973, S. 114 – russisch 1898), dass sein älterer Bruder ihm geschrieben hat: „Man muß an das Buch, das man lesen will, eine Frage gerichtet haben.“


Meine Collingwood-Rezeption:

Dienstag, 5. März 2019

Probleme mit der göttlichen Vorsehung und den Erleuchtungen


Jung-Stillung erzählt im Buch „Henrich Stillings Wanderschaft“, wie es zur Blitz-Verlobung mit Christine kam (zeno.org, S. 247 ff.):
Zur bestimmten Zeit gieng also Stilling hin, um der Taufe beyzuwohnen. Nun hatte aber Herr Friedenberg eine Tochter, welche die ältste unter seinen Kindern, und damahls im ein und zwanzigsten Jahr war. Dieses Mädchen hatte von ihrer Jugend an die Stille und Eingezogenheit geliebt, und deswegen war sie blöde gegen alle fremde Leute, besonders wenn sie etwas vornehmer gekleidet waren als sie gewohnt war. Ob dieser Umstand zwar in Ansehung Stillings nicht im Wege stund, so vermied sie ihn doch so viel sie konnte, so daß er sie wenig zu sehen bekam. Ihre ganze Beschäftigung hatte von Jugend auf in anständigen Hausgeschäften, und dem nöthigen Unterricht in der christlichen Religion nach dem evangelisch-lutherischen Bekenntniß, nebst Schreiben und Lesen bestanden; mit Einem Worte, sie war ein niedliches artiges junges Mädgen, die eben nirgends in der Welt gewesen war, um nach der Mode leben zu können, deren gutes Herz aber, alle diese einem rechtschaffenen Mann unbedeutende Kleinigkeiten reichlich ersetzten.
Stilling hatte diese Jungfer vor den andern Kindern seines Freundes nicht vorzüglich bemerkt, er fand in sich keinen Trieb dazu, und er durfte auch an so etwas nicht denken, weil er noch ehe weit aussehende Dinge aus dem Wege zu räumen hatte.
Dieses liebenswürdige Mädgen hieß Christine. Sie war seit einiger Zeit schwerlich krank gewesen, und die Aerzte verzweifelten alle an ihrem Aufkommen. Wenn nun Stilling nach Rasenheim kam, so fragte er nach ihr, als nach der Tochter seines Freundes; da ihm aber niemand Anlaß gab, sie auf ihrem Zimmer zu besuchen, so dachte er auch nicht daran.
Diesen Abend aber, nachdem die Kindtaufe geendigt war, stopfte Herr Friedenberg seine lange Pfeife, und fragte seinen neuen Gevattern: Gefällt es Ihnen einmahl mit mir meine kranke Tochter zu besuchen? mich verlangt, was Sie von ihr sagen werden, Sie haben doch schon mehr Erkenntniß von Krankheiten, als ein anderer. Stilling war dazu willig; sie giengen zusammen hinauf ins Zimmer der Kranken. Sie lag matt und elend im Bett, doch hatte sie noch viele Munterkeit des Geistes. Sie richtete sich auf, gab Stilling die Hand und hieß ihn sitzen. Beyde setzten sich also ans Bett ans Nachttischgen. Christine schämte sich jetzt vor Stillingen nicht, sondern sie redete mit ihm von allerhand das Christenthum betreffenden Sachen. Sie wurde ganz aufgeräumt, und vertraulich. Nun hatte sie oft bedenkliche Zufälle, deswegen mußte jemand des Nachts bey ihr wachen; dieses geschah aber auch zum Theil deswegen, weil sie nicht viel schlafen konnte. Als nun beyde eine Weile bey ihr gesessen hatten, und eben weggehen wollten, so ersuchte die kranke Jungfer ihren Vater: ob er wohl erlauben wollte, das Stilling mit ihrem ältern Bruder diese Nacht bey ihr wachen mögte? Herr Friedenberg gab das sehr gerne zu, mit dem Beding aber, wenn es Stillingen nicht zuwider sey. Dieser leistete sowohl der Kranken als auch den Ihrigen diesen Freundschaftsdienst gerne. Er begab sich also mit dem ältesten Sohn des Abends um neun Uhr auf ihr Zimmer; beyde setzten sich vor das Bett, ans Nachttischgen, und sprachen mit ihr von allerhand Sachen, um sich die Zeit zu vertreiben, zuweilen lasen sie auch etwas darzwischen.
Des Nachts um ein Uhr sagte die Kranke zu ihren beyden Wächtern: sie mögten ein wenig still seyn, sie glaubte etwas schlafen zu können. Dieses geschah. Der junge Herr Friedenberg schlich indessen herab um etwas Caffee zu besorgen; er blieb aber ziemlich lang aus, und Stilling begunnte auf seinem Stuhl zu nicken. Nach etwa einer Stunde regte sich die Kranke wieder. Stilling schob die Gardine ein wenig von einander, und fragte sie: ob sie geschlafen habe? Sie antwortete: Ich hab so wie im Taumel gelegen. »Hören Sie, Herr Stilling! ich hab einen sehr lebhaften Eindruck in mein Gemüth bekommen, von einer Sache, die ich aber nicht sagen darf, bis zu einer andern Zeit.« Bey diesen Worten wurde Stilling ganz starr, er fühlte von Scheitel bis unter die Fußsohle eine noch nie empfundene Erschütterung, und auf einmahl fuhr ihm ein Strahl durch die Seele wie ein Blitz. Es wurde ihm klar in seinem Gemüth, was jetzt der Wille Gottes sey, und was die Worte der kranken Jungfer bedeuteten. Mit Thränen in den Augen stund er auf, bückte sich ins Bett, und sagte: »Ich weiß es, liebe Jungfer! was sie für einen Eindruck bekommen hat, und was der Wille Gottes ist.« Sie fuhr auf, reckte ihre rechte Hand heraus, und versetzte: »wissen Sie's?« – Damit schlug Stilling seine rechte Hand in die ihrige, und sprach: »Gott im Himmel segne uns! Wir sind auf ewig verbunden!« – Sie antwortete: »Ja! wir sinds auf ewig!« –
Alsbald kam der Bruder, und brachte den Caffee, setzte ihn hin, und alle drey trunken zusammen. Die Kranke war ganz ruhig wie vorher; sie war weder freudiger noch trauriger, so als wenn nichts sonderliches vorgefallen wäre. Stilling aber war wie ein Trunkener, er wuste nicht ob er gewacht oder geträumt hatte, er konnte sich über diesen unerhörten Vorfall weder besinnen noch nachdenken. Indessen fühlte er doch eine unbeschreiblich zärtliche Neigung in seiner Seelen gegen die theure Kranke, so daß er mit Freuden sein Leben für sie würde aufopfern können, wenns nöthig wäre, und diese reine Flamme war so, ohne angezündet zu werden, wie ein Feuer vom Himmel auf sein Herz gefallen; denn gewiß, seine Verlobte hatte jetzt weder Reize, noch Willen zu reizen, und er war in einer solchen Lage, wo ihm vor dem Gedanken zu heurathen schauderte. Doch wie gesagt: er war betäubt, und konnte über seinen Zustand nicht eher nachdenken, bis des andern Morgens, da er wieder zurück nach Hause reiste. Er nahm vorher zärtlich Abschied von seiner Geliebten, bey welcher Gelegenheit er seine Furcht äußerte, allein sie war ganz getrost bey der Sache, und versetzte: »Gott hat gewiß diese Sache angefangen, Er wird sie auch gewiß vollenden!«
Unterweges fieng nun Stilling an vernünftig über seinen Zustand nachzudenken, die ganze Sache kam ihm entsetzlich vor. Er war überzeugt, daß Herr Spanier, so bald er diesen Schritt erfahren würde, alsofort seinen Beystand von ihm abziehen, und ihn abdanken würde, folglich wär er dann ohne Brod, und wieder in seine vorige Umstände versetzt. Ueberdas konnte er sich unmöglich vorstellen, daß Herr Friedenberg mit ihm zufrieden seyn würde; denn in solchen Umständen sich mit seiner Tochter zu verloben, wo er für sich selber kein Brod verdienen, geschweige Frau und Kinder ernähren konnte, ja sogar ein großes Capital nöthig hatte, das war eigentlich ein schlechtes Freundschaftsstück, es konnte vielmehr als ein erschrecklicher Mißbrauch derselben angesehen werden. Diese Vorstellungen machten Stillingen herzlich angst, und er fürchtete in noch beschwerlichere Umstände zu gerathen, als er jemahlen erlebt hatte. Es war ihm als einem der auf einen hohen Felsen am Meer geklettert ist, und, ohne Gefahr zerschmettert zu werden, nicht herab kommen kann, er wagts und springt ins Meer, ob er sich mit schwimmen noch retten mögte.
Stilling wußte auch keinen andern Rath mehr; er warf sich mit seinem Mädgen in die Arme der väterlichen Fürsorge Gottes, und nun war er ruhig, er beschloß aber dennoch weder Herrn Spanier noch sonst jemand in der Welt etwas von diesem Vorfall zu sagen. (…)
Die beiden heiraten also, bekommen zwei Kinder und nach zehnjähriger Ehe stirbt Christine. Bald darauf bekommt Henrich eine neue Erleuchtung:
Um diese Zeit gieng eine Aufklärung in seiner Seele über eine Sache vor, die er bisher nicht von ferne geahndet hatte: …
Das muss man leider selber lesen, da ich den Text nicht kopieren kann: https://archive.org/details/lebensbeschreib00stigoog/page/n249 (zwei Absätze) – die ganze Theorie der göttlichen Erleuchtungen wird relativiert; denn es sei des Christen höchste Pflicht, „unter der Leitung der Vorsehung, jeden Schritt und besonders die Wahl einer Person zu Heirath, nach den Regeln der gesunden Vernunft und der Schicklichkeit zu prüfen, und wenn dies gehörig geschehen sey, den Seegen von Gott zu erwarten.“
Alles, was Jung-Stilling zu wundersamen Eingebungen und der göttlichen Vorsehung gesagt hat, wird hier indirekt widerrufen, wenn die Regeln der gesunden Vernunft (welche sind das?) und der Schicklichkeit (wer legt diese fest?) zum obersten Kriterium des Handelns gemacht werden.


Bald darauf (und nur 3 Seiten weiter) ist Jung-Stillings Einsicht wieder verschwunden, und das kam so: Er hatte dreimal vergeblich bei reichen Frauen um deren Hand geworben und immer eine Abfuhr erhalten. Als nun Sophie von la Roche ihm eine ihrer Freundinnen als mögliche Frau vorschlägt (welche aber kein Vermögen mit in die Ehe brächte, um Stillings Schulden tilgen zu können), erkennt er darin gleich wieder einen Wink der Vorsehung: „Indessen durfte er jetzt nach seinen Grundsätzen nicht räsonniren [warum eigentlich nicht?], sie war der Gegenstand, auf welchen der Finger seines Führers [d.i. Gott] hinwieß, er folgte also und zwar sehr gern. (…) Alle [seine Freunde] erkannten den Wink der Vorsehung sehr lebhaft, und ermahnten ihn zu folgen.“
Man erkennt hier deutlich die Egozentrik des religiösen Menschen bzw. des religiösen Denkens: Alles, was irgendwie geschieht, ist [von Gott o.ä.] genau auf diesen einen Menschen ausgerichtet. Naiver oder größenwahnsinniger geht es nicht.

Montag, 25. Februar 2019

Kindesmissbrauch - Treffen im Vatikan 2019


Wir sind nicht Herren eures Glaubens, sondern Diener eurer Freude.“ (2 Kor 1,24) Wenn man dieses Paulus-Wort bedenkt, versteht man, warum die Worte des Papstes zum Kindesmissbrauch durch katholische Priester nicht ausreichen: Die Kirche sieht er auf dem Weg der Wahrheit, aber der Teufel stifte das Unheil.
Nein, Franziskus, das ist nicht der Teufel, das ist die katholische Kirche selber, wie sie seit 2000 Jahren geworden ist: Die Bischöfe und die Priester fühlen sich und sind tatsächlich „Herren“ und nicht „Diener“ der Menschen; sie haben Macht, haben sie gern ausgeübt und üben sie immer noch gern aus, auch wenn sie heute keinen mehr verbrennen dürfen – sich an Kindern befriedigen geht aber immer noch. Diese Macht ist untrennbar mit der katholischen Sexualmoral verbunden: eine (Doppel)Moral der Verbote, der Sündenangst und Gewissensqual, und mit dem Zölibat, mittels dessen ebenso Macht über die Priester ausgeübt wird.
Damit handeln die Bischöfe resp. der Papst dem Programm nicht nur des Paulus, sondern auch Jesu selbst entgegen: Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und ihre Großen ihre Macht gegen sie gebrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein.“(Mk 10,42-44)
Deshalb  nennt der Papst sich denn zwar servus servorum Dei („Diener der Diener Gottes“), aber in Wirklichkeit wird in Gottes Namen vom Papst und den Bischöfen und den Priestern Macht ausgeübt – ich kann davon ein Lied mit vielen Strophen singen. Und weil dieses Problem in einer Weltkirche vermutlich nicht gelöst werden kann (ja nicht einmal gesehen wird), deshalb redet der Papst vom Wirken des Teufels – und redet damit am Problem vorbei. Insofern ist das Treffen in Rom gescheitert, auch wenn Kardinal Marx meint, es sei ein großer Schritt in die richtige Richtung getan.

P.S. Die großen Bekundungen von Reue und Besserung, welche in der katholischen Kirche derzeit ertönen, sollen vergessen machen, woher das Übel des sexuellen Missbrauchs kommt. In Friedrich Christian Laukhards Lebenserinnerungen (Leben und Schicksale…, in mehreren Bänden ab 1790) beschreibt dieser, wie es in Frankreich vor der Revolution zuging, wo „die großen Herren und die Geistlichen nichts Hübsches, besonders in den niederen Ständen, ungeknickt aufblühen ließen“ (https://archive.org/details/lebenundschicksa02laukuoft/page/286). Es handelt sich um ein Übel, das aus der (geistlichen) Macht stammt und durch die Verbindung mit dem Zölibat noch verschärft wird und notwendig die moralische Heuchelei hervorbringt. Vgl. auch https://www.tagesschau.de/ausland/vatikan-frauenmagazin-101.html!
Völlig unberührt von vernünftiger Einsicht zeigt sich Benedikt XV., der zwar offiziell nichts mehr zu sagen hat, aber trotzdem sich äußert:
https://www.faz.net/aktuell/politik/papst-benedikt-xvi-nennt-ausweg-aus-dem-missbrauchsskandal-16135592.html
https://www.merkur.de/politik/kirche-ex-papst-benedikt-sorgt-fuer-empoerung-beschaemend-zr-12183005.html
 

Sonntag, 3. Februar 2019

Erziehung und Lebenskunst


Als einen Kommentar zur letzten Strophe von Goethes Gedicht „Dauer im Wechsel“ („Danke, dass die Gunst der Musen...“) lese ich eine Bemerkung der Malwida von Meysenbug in ihren „Memoiren einer Idealistin“, Bd. 2, S. 145 (https://archive.org/details/memoireneineride00meysuoft/page/n601): „Wir sprachen über die Kunst des Lebens überhaupt und wie wenige, selbst unter den Guten, es verstehen, das Leben vor Zersplitterung, vor Aufgehen in dem ‚Verfänglichen des irdischen Geschwätzes‘ zu hüten und die flüchtige Zeit zu retten für das, was ‚allein Not tut‘ im höchsten ethischen Sinn.“ Sie kam mit dem Arzt Löwe, den man als Lebenskünstler gerühmt hatte, „überein, dass die höchste Aufgabe der Erziehung sein sollte, diese Kunst des Lebens auszubilden, damit das ganze Dasein nur ein fortwährendes Enthüllen und Ausarbeiten einer erhabenen Idee in uns würde, mit der wir uns selbst zum höchsten Kunstwerk umgestalten und das Leben von den Fesseln des ‚Nichts in ewiger Bewegung‘ erlösen könnten“.

Mittwoch, 30. Januar 2019

Weiß die innere Stimme Bescheid?


In seinen „Lebenserinnerungen“ (Bd. 2, 1907, S. 357-359) berichtet Carl Schurz von einer ihm bis dato unbekannten inneren Stimme, die ihm vor einer Schlacht gesagt habe: „Heute werde ich den Tod finden.“ In der Schlacht sei dann eine Granate unter seinem Pferd eingeschlagen, habe einem anderen Pferd die Vorderbeine gebrochen und sei zwanzig Meter weiter in einem Erdhügel geplatzt, ohne weiteren Schaden anzurichten. Die Stimme habe dann gesagt: „Dies war die Kugel, aber den Tod hat sie dir doch nicht gebracht.“ Er habe Ähnliches nie mehr erlebt und habe auch keine Erklärung dafür. (https://archive.org/details/lebenserinnerun03schugoog/page/n373)
Fazit: Auch innere Stimmen können sich irren.