Mittwoch, 26. Dezember 2018

"Seele" im Deutschen

Im Grimm’schen Wörterbuch kann man nachlesen, welche Vorstellungen im Deutschen mit „Seele“ verbunden sind. Ich gebe einen ganz kleinen Überblick, damit man sich bei Bedarf in den tausend Differenzierungen umschauen kann:

SEELE
I. formales. 
ein gemeingermanisches wort (grundform saiwalô, auch saiwlô?)von noch nicht aufgeklärter herkunft und verwandtschaft.

II. bedeutung. 
1) seele als der innere, geistige theil des menschlichen wesens, im allgemeinen. 

2) noch mannigfaltiger sind die beziehungen zwischen seele und leib.
3) man unterscheidet bei der seele verschiedene hauptwirkungsarten, so z. b.: die seele hat ein doppeltes amt, animare, und amare, das ist, lebend machen und lieben. das erste verrichtet sie am leib, das andere aber an- und gegen sich selbst. Hohberg 3, 119a. gewöhnlich werden drei unterschieden, die meist als verschiedene seelen bezeichnet werden, eine vegetative, die allen lebenden wesen, auch den pflanzen, innewohnt, eine animalische, die der mensch mit den thieren gemein hat, und eine vernünftige, die ihm eigenthümlich ist.
4) [verschiedene Redewendungen mit „Seele“
5,
a) die spezifisch menschliche seele wird gewöhnlich als vernünftige gekennzeichnet,

b) auch in ihr werden wiederum verschiedene theile oder wirkungsweisen unterschieden: was lieszen sich überhaupt aus dieser proportion oder disproportion des erkennenden und empfindenden theils unsrer seele für psychologische und praktische anmerkungen machen! Herder 5, 185 Suphan. zweckmäsziger ist die dreitheilung nach denken (erkennen), empfinden und begehren (wollen). alle diese thätigkeiten werden von der seele ausgesagt. (…)
h) obschon somit seele das ganze unkörperliche wesen des menschen, alle äuszerungen seines innern, spezifisch menschlichen wesens umfaszt, wird es doch meistens in einem engern sinne genommen, wobei der begriff der empfindung überwiegt, sodasz es zu dem in erster linie denkenden geiste einen gegensatz und eine ergänzung bildet,
6) inventar der seele im allgemeinen
7) obwol die seele streng genommen immateriell gedacht wird und sonach räumliche bestimmungen auf sie eigentlich nicht angewendet werden sollten, wird sie doch nicht selten in solchen beziehungen gedacht.
8) noch häufiger wird die seele als ein körperliches wesen behandelt, indem ihr handlungen und zustände zugeschrieben werden, die im eigentlichen verstande nur von körpern und zwar zumeist vom menschlichen leibe, doch auch von pflanzen, leblosen dingen, elementen u. s. w. gelten. meist wird dabei dieser ausdruck einfach als bildliche bezeichnung von etwas seelischem genommen; doch findet sich auch der fall, dasz der äuszere, leibliche vorgang oder zustand im eigentlichen sinne verstanden, und nur irgendwie die seele als subject desselben gedacht wird, vgl. z. b.: es ist nicht der körper, welcher in dem schauspiele lacht oder weinet; es ist die seele, die von den eindrücken, die man auf sie macht, gerühret wird. Lessing 4, 119 anm. so werden der seele beigelegt 
9) die an sich selbst unsichtbare seele äuszert sich und wird erkennbar in ihren wirkungen auf den körper. besonders nachdrücklich und unmittelbar tritt sie zu tage in gewissen erscheinungen, nämlich dem blick, dem geschriebenen oder gesprochenen worte u. a. Seele geht hier fast immer auf das gefühl oder gemüt,
10) reich ausgebildet ist der gebrauch von seele in geistlicher, theologischer sprache; diese gebrauchsweisen hängen eng zusammen mit denen unter 20. 
11) mit den zuletzt besprochenen redeweisen hängt der gebrauch von seele in beteuerungen enge zusammen. 
12) beziehungen zwischen verschiedenen seelen
13)16) [weitere Wendungen mit „Seele“]
17) in allen bisher behandelten verwendungen war die seele als ein theil des menschlichen wesens gefaszt. dieses zeigt sich besonders deutlich in den stellen, wo die seele angeredet, also dem redenden ich gewissermaszen als fremd und selbstständig gegenübergestellt wird. diese sprechweise stammt aus der sprache der psalmen:
18) aber in andern, sehr verbreiteten gebrauchsweisen tritt seele auch für das ganze wesen des menschen, für den menschen selbst ein:
19) von der ursprünglichen auffassung, wonach seele neben dem leibe die eine hälfte des menschlichen wesens bedeutet, hat sie sich auch nach einer andern seite weiter entwickelt, indem sie als ein selbstständiges, vom körper getrennt existierendes wesen gedacht wird, s. 20.
20) die seele nach dem tode.
21,
a) die der fortdauer nach dem tode entsprechende vorstellung einer präexistenz der seele vor der geburt findet sich nur ganz vereinzelt angedeutet,

b) in gewissem sinne ist sie indessen enthalten in der — besonders bei den Indern ausgebildeten — lehre von der seelenwanderung; diese hat zwar in den deutschen volksglauben keinen eingang gefunden, wird aber in der litteratur begreiflicherweise oft erwähnt (früher meist als pythagoreisch)
22,
a) das führt mit notwendigkeit dazu, auch thieren und pflanzen seele zuzuschreiben,

b) aber eine seele der pflanzen und thiere kennt auch die abendländische anschauung, der diese theorie fremd; doch wird dabei seele in einem andern, geringeren sinne genommen als bei menschen,
c) seele im vollen sinne legt dagegen die dichtung den thieren bei, indem sie sie vermenschlicht
e) ebenso bei pflanzen,
23) aber noch weiter wird das reich der seelen ausgedehnt, indem auch leblose dinge hineingezogen werden, meist nur in dichterischer übertragung,
24) während in den behandelten fällen meist freie übertragungen vorliegen, wobei man sich der eigentlichen bedeutung bewuszt bleibt, wird seele in volksthümlicher sprechweise auch von dem innern concreten gegenstande gesagt
Es folgen 25)28).
http://woerterbuchnetz.de/cgi-bin/WBNetz/wbgui_py?sigle=DWB&mode=Vernetzung&lemid=GS23665#XGS23665

Dienstag, 18. Dezember 2018

Weihnachtsmann oder Christkind?


Von U. bekam ich eine wunderbare Weihnachtskarte: blauer Hintergrund (Himmelsfarbe) mit Sternen, beinahe mittig eine geflügelte Figur mit einem Geschenk in der linken Hand, unten links im Eck ein Haus, dazu rechts unten in Kinderschrift ein Spruch:
entweder kommt das Christkind oder weinachtsmann auf die erde
das hengt davon ap wie schwer die geschenke sind“.
Wunderbar, wie hier ein unlösbares Problem (Kommt nun der Weihnachtsmann oder kommt das Christkind zu uns?) mit leichter Hand und unschlagbarer Logik gelöst wird: echt theologische Logik, mit der Widersprüche in einem System aufgehoben werden.

Sonntag, 9. Dezember 2018

Die Wahrheit ist scheu...


Heute habe ich mindestens zum vierten Mal „Kains Memoiren“ (von Lars Gyllensten, Frankfurt 1968) gelesen, wovon zwei kleine Beiträge in der Wordpress zeugen:
Ich möchte an den zweiten Aufsatz erinnern und zusätzlich darauf hinweisen, dass Gyllenstens Buch teilweise aus Fragmenten besteht, die von den Schriften der Kainiter übriggeblieben sind. Diese Tatsache ist ein Kunstgriff des Autors, der dem Wesen der Wahrheit entspricht; um die Wahrheit geht es auch in den Reflexionen der Deutung der Fragmente und in den Ausführungen über den Verstand der Menschen.
Die Kainiter hatten erkannt, daß die Wahrheit scheu ist und sich nur in Vogelscheuchengesichtern und Verkleidungen zu offenbaren pflegt. Und die Offenbarungen sind etwa ebenso unvollständig und mißgestaltet, wenn man sie mit der Wahrheit selbst vergleicht. Gleichzeitig sind sie alle etwa gleich brauchbare und achtbare Helfer im Kampf gegen Lüge, Verwirrung und Trauer, die nur darauf warten, daß man der Wahrheit, nur weil sie aus Scheu inkognito auftritt, ganz den Rücken zukehrt.“ (S. 34)
Die Fragmente der Kainiter, die weithin nur in Koptisch erhalten sind, lassen ganz verschiedene Lesarten zu. „Ganz sicher kann der, der mit genügender Erfindungsgabe und Geduld ausgerüstet ist, eine Lesart hervorbringen, die beide Teile zufriedenstellt: die Leute, die etwas Nützliches lernen möchten, und solche, die kindliche Sagen und Berichte in den Überbleibseln der Vorzeit suchen. (…) All diese Zweideutigkeiten sind keineswegs merkwürdig oder rätselhaft (). Denn all das, worauf die Menschen stoßen, sind nur Fragmente, denen jeder Sinn und jede Bestimmtheit mangelt, bis man imstande ist, sie deuten und lesen zu können. Wenn dies aber geschehen ist, merkt der Aufmerksame, daß alles, was er gelesen und gedeutet hat, nur auf dem beruht, was er selbst aufgefüllt und hinzugefügt hat.“ (S. 98 f.)
Die Ausführungen über den Verstand (S. 131 f.) sind schon im zweiten Aufsatz über das Buch (s.o.) zitiert.
Das gnostische Leuchten im Buch erstrahlt hell in einem Zitat, das ebenfalls bereits in der zweiten Besprechung notiert worden ist: „Die Ordnung der Welt ist eine Täuschung...“ (S. 91)
Es ist weiser, die getöteten Götter zu verehren als die lebenden; denn jeder, der die getöteten Götter verehrt, wendet sich von dem ab, was die Menschen als bestehend betrachten. (…) ‚Die Unsterblichen‘ sind falsche Götter; ihr richtiger Name ist ‚Die noch nicht Gestorbenen‘. Alles ist wie eine Larve, die das Gesicht des Unmenschlichen verbirgt.“ (S. 65)
Ein eindrucksvolles Paradigma sind die blinden Kinder, die an einer Leine ihrem halbblinden Führer zum Betteln folgen (S. 76 f.), obwohl er sie betrügt, und mit ihm abends zum Bettlerkönig gehen, der sie prügelt und ausbeutet. „Die Menschen klammern sich aneinander, als wären sie ihresgleichen und Freunde. Der Not gehorchend leben die Menschen in der Welt, als wäre sie ihr richtiges Heim. (...) Die Augen der blinden Kinder weinen ohne Trauer. Aber auch hinter der Trauer dessen, der aus Trauer weint, gibt es ein leeres Loch, in das keine Trauer hineindringt.“ (S. 77)
Das Buch fasziniert mich seit 50 Jahren. Seine einzige Auflage betrug 4000, von denen allein ich zehn Exemplare verschenkt habe.

Mittwoch, 24. Oktober 2018

Volkskirche - Kirchenreform - Bischof Hanke


Ein Bericht und eine große Reportage in der SZ vom 23. Oktober 2018 stellen den Bischof Hanke aus dem Bistum Eichstätt vor, von dessen Verwaltung rund 50 Millionen Euro in amerikanischen Immobiliengeschäften versenkt wurden. Mich interessiert nun weniger die Tatsache, dass da 50 Millionen verpulvert wurden, sondern die Erklärungen, die Bischof Hanke zu seiner Verantwortung abgibt. Er sagt, er sei mit der Aufsicht über das Finanzgebaren seiner Verwaltung überfordert gewesen; sein Finanzchef, der ehemalige Caritasdirektor, ein Priester, war offensichtlich den Umgang mit dem großen Geld gewohnt – den Bischof hat man am liebsten außen vor gelassen, wenn es um Entscheidungen ging. Er bemüht sich jetzt, sachliche Aufklärung durch externe Fachleute zu betreiben. „Bischof beklagt mangelnden Reformwillen in der Kirche“ ist die Überschrift des Berichts – der Reformwillen fehle seiner Priestern, seiner Verwaltung.
Ich möchte aus diesem Anlass einige Überlegungen zur Möglichkeit der Reform der katholischen Kirche vortragen: Diese Reform kann es praktisch nicht geben, weil sie sich gegen Jahrhunderte kirchlicher Geschichte durchsetzen müsste:
  • Vom Bischof erwartet man quasi, dass er aufgrund seiner Weihe auch alle seine Aufgaben erfüllen kann – sachlich darauf vorbereitet wurde der Mönch Hanke nicht. Das gilt auch für die Priester, die in die Seelsorge geschickt wurden (ich spreche von der Zeit, die ich aus eigener Erfahrung kenne: die in den 60er und 70er Jahren geweihten Priester): Wie sie mit Sterbenden umzugehen haben, wie sie Kinder unterrichten sollten, was man den Bettlern sagen und geben kann, die regelmäßig an der Tür der Kaplanei schellen, was man für Arbeitslose tun kann – alles Fehlanzeige. Es gab ein bisschen Predigttraining und viel Sexualmoral, ansonsten würde es „die Weihe“ der von der „Welt“ abgeschottteten Seminaristen schon richten.
  • Dieses mit dem Zölibat unnötig und verhängnisvoll verknüpfte überhöhte Weihepriester-Bild bestimmt die Theorie und Praxis der „Seelsorge“: Die Laien sind die Schafe, die der gute Hirt (Pastor) zu leiten und betreuen hat. Dessen Fehltritte werden vertuscht.
  • Auf die innere Umkehr der Christen wird verzichtet, wenn sie nur dem Aufseher-Pastor folgen, vor allem in der Sexualmoral; der hat stellvertretend Christlichkeit vorzuleben.
  • Dem entspricht die Verdinglichung der Eucharistie in der Lehre der Transsubstantiation, in der Betonung des opus operatum des geweihten Priesters, der sozusagen Gewalt über Gottes Gegenwart besitzt, überhaupt die ganze Sakramentenlehre und -praxis.
  • In der Priesterausbildung wurde die Soziallehre und die Pastoraltheologie als lästige Nebensächlichkeit betrachtet; wichtig waren Dogmatik, Kirchengeschichte, Kirchenrecht, Moraltheologie und Bibelexegese – kurz: die Theorie.
  • Das alles muss man als Einheit begreifen, die unter dem Stichwort „Volkskirche“ beschrieben werden kann: Das ganze Volk ist einfach „christlich“ und bleibt damit zwangsläufig in einer Vorhofreligion, wie G. Mensching sagte.
Wie soll da eine Reform möglich sein, ohne dass die Amtsinhaber erheblich von ihren Sockeln heruntersteigen müssten und die Laien erheblich ihre eigene Christlichkeit zu ergreifen hätten, dass also alle sich erheblich zu bewegen hätten? Wer die Trägheit und die Gesetze der Schwerkraft kennt, wird das kaum für möglich halten.

Stichwort „Volkskirche“:
Zu Hanke/Eichstätt:


Freitag, 19. Oktober 2018

Mehr animal als rationale: kein Platz für Vernunft

Einen bemerkenswerten Artikel hat Sebastian Herrmann am 11. September 2018 in der SZ veröffentlicht: Was du auch sagst, du wirst es bereuen.
Es geht in diesem Artikel darum, wie man die Aussagen anderer Menschen aufnimmt. Das Ergebnis einer Untersuchung des englischen Psychologen Paul Hanel lautet:
  • Selbst harmlosen Aussagen stimmt man eher zu, wenn sie von Mitgliedern der eigenen Gruppe stammen.
  • Keine Rolle spielt dabei, wie lange man über die vorgelegten Aussagen nachdenkt.
  • Auch der Bildungsgrad spielt bei der Zustimmung oder Ablehnung keine Rolle.
  • Selbst bei Themen, wo man sich nur geringfügig von der Auffassung einer fremden Gruppe unterscheidet, wird die Einstellung der anderen für grundverschiedenen von der eigenen gehalten.
  • Wir gegen die anderen: Es ist das Gefühl der Zugehörigkeit, welches das Denken trübt.“
Die Frage ist, wie man sich dann mit Menschen anderer Überzeugungen überhaupt noch verständigen kann. Offensichtlich ist Habermas' Theorem vom Herrschaftsfeien Diskurs eine schöne Idee, aber eine utopische, genau wie die alte Auffassungen vom Menschen als animal rationale.

Montag, 8. Oktober 2018

Kurt Tucholsky: Zweifel - Analyse


Zweifel



Ich sitz auf einem falschen Schiff.
Von allem, was wir tun und treiben,
und was wir in den Blättern schreiben,
stimmt etwas nicht: Wort und Begriff.
 
Der Boden schwankt. Wozu? Wofür?
Kunst. Nicht Kunst. Lauf durch viele Zimmer.
Nie ist das Ende da. Und immer
stößt du an eine neue Tür.
 
Es gibt ja keine Wiederkehr.
Ich mag mich sträuben und mich bäumen,
es klingt in allen meinen Träumen:
Nicht mehr.
 
Wie gut hat es die neue Schicht.
Sie glauben. Glauben unter Schmerzen.
Es klingt aus allen tapfern Herzen:
Noch nicht.
 
Ist es schon aus? Ich warte stumm.
Wer sind Die, die da unten singen?
Aus seiner Zeit kann Keiner springen.
Und wie beneid ich Die, die gar nicht ringen.
Die habens gut.
Die sind schön dumm.

Theobald Tiger, in: Die Weltbühne, 20. 1. 1925, Nr. 3, S. 90
Es spricht eine Ich-Stimme, monologisch; Anlass dafür ist, dass das Ich sich in seiner Haut nicht wohlfühlt. Diesem Unbehagen denkt es nach.
Es artikuliert sein Unbehagen derart, dass es eine Differenz von Wort und Begriff gegenüber der Wirklichkeit feststellt, dass ihm der Boden unter den Füßen schwankt, dass es seine Zuversicht verloren hat (1. bis 3. Strophe). Dagegen stellt es eine neue Schicht, die es gut hat, weil sie noch an etwas glaubt (4. Strophe, auch Anfang der 5.). In den letzten Versen der 5. Strophe verspottet es dann diejenigen, die gar nicht um die Wahrheit ringen (V. 20-22). Das Thema ist der eigene Zweifel (Überschrift) an letzten Wahrheiten und Werten, für die sich einzusetzen lohnt.
Das Gedicht besteht aus vier Strophen zu vier Versen und einer letzten aus sechs Versen, über deren Form am Ende zu sprechen ist. Die Verse weisen durchweg einen vierhebigen Jambus auf, die Ausnahmen werden an Ort und Stelle besprochen. Die Verse sind durch umarmende Reime aneinander gebunden. Es gibt nur wenige semantisch sinnvolle Reime: auf einem falschen Schiff – stimmen nicht Wort und Begriff (V. 1/4), auch V. 2/3 (Gesamtheit des Tuns); keine Wiederkehr – nicht mehr (V. 9/12); glauben unter Scherzen – aus allen tapfern Herzen (V. 14/15). Das Ich spricht die Umgangssprache mit Verschleifung von Buchstaben (beneid, V. 20; habens, V. 21); auch der Satzbau ist nicht immer hochsprachlich korrekt, es gibt unvollständige Sätze und Phrasen (V. 6, V. 14, V. 17). Insgesamt spricht das Ich ruhig, weil es nachdenkt, auch wenn der Satz manchmal übers Versende hinausgeht.
In der ersten Strophe drückt das Ich sein elementares Unbehagen in dem gängigen Bild, dass man auf einem falschen Schiff sitzt, aus (V. 1); als Grund nennt es seinen umfassenden Zweifel an „Wort und Begriff“ (V. 4), die die Sache nicht treffen (ist hier sinngemäß zu ergänzen). Damit klingt hier noch ein Thema nach, das den Epochenumbruch um 1900 bestimmt hat (https://norberto42.wordpress.com/2010/10/03/epochenumbruch-um-1900-2/) und das normalerweise unter dem Stichwort „Sprachkrise“ behandelt wird, etwa mit Verweis auf Hofmannsthals Chandos-Brief. Was das Ich hier genau meint, ist nicht auszumachen, weil es sich so knapp fasst – jedenfalls gehören nicht nur Sprechen und Schreiben, sondern das ganze Tun und Treiben zu dem, was zweifelhaft geworden ist; man könnte das Gleiche auch heute sagen, wo wir zum Spaß auf die Malediven fliegen, obwohl alle wissen, dass der Luftverkehr das Klima negativ beeinflusst (das ist nur ein Beispiel von tausend!).
Der Boden schwankt.“ (V. 5) Und die wichtigen Fragen bleiben ohne Antwort: „Wozu? Wofür?“ Das hatte Nietzsche schon 40 Jahr vorher erkannt: „Der Nihilismus steht vor der Tür: woher kommt uns dieser unheimlichste aller Gäste?“ Was bedeutet Nihilismus? „Dass die obersten Werte sich entwerten. Es fehlt das Ziel; es fehlt die Antwort auf die Frage 'Warum'.“ (Anfang von „Der Wille zur Macht“, einer problematischen Zusammenstellung von Aphorismen Nietzsches) Das Ich erläutert das an einem Beispiel und in einem Bild (2. Strophe): Das Beispiel ist die Frage „Kunst oder nicht Kunst?“ (V. 6), die bis heute besteht. Das Bild ist das von einem endlosen und damit ziellosen Lauf durch viele Zimmer (V. 6-8).
In der dritten Strophe resigniert das Ich: „Es gibt ja keine Wiederkehr.“ (V. 9) Hier fehlt das Attribut zu „Wiederkehr“; gemäß den folgenden Versen muss man ergänzen: Es gibt keine Wiederkehr der jugendlichen Zuversicht, man könnte die Welt verstehen und verbessern und die Humanität vorantreiben. Stattdessen erklingt das bedrohliche „Nicht mehr“ (V. 12). Diese beiden Worte machen einen ganzen Vers aus, ziehen also eine Pause nach sich, sind beide betont – und stehen gegen das „Noch nicht“ (V. 16) einer neuen Schicht, die voller Hoffnung ist. Die beiden Worte erklingen in den Träumen des Ichs, sogar in allen Träumen (V. 11) – da, wo sich das offenbart, was man dumpf spürt oder unbewusst weiß und wogegen deshalb keine Argumentation hilft. Im Vorgriff auf die beiden nächsten Strophen kann man feststellen, dass das Ich seinen Zweifel nicht so radikal wie Nietzsche erlebt, sondern ihn als Erfahrung einer „Schicht“ oder Generation begreift, der man nicht entkommt; so lese ich jedenfalls den Satz: „Aus seiner Zeit kann Keiner springen.“ (V. 19) Damit wäre der Zweifel vielleicht der Krise der Lebensmitte zuzuordnen.
Gegen die eigenen Zweifel steht die Zuversicht der neuen Schicht, wie das Ich sagt (V. 13), womit es vermutlich eine jüngere Generation meint, vielleicht auch eine politisch radikalere Schicht, die an an die Revolution glaubt: „Sie glauben.“ (V. 14) Das ist das entscheidende Faktum, leider fehlt (auch) hier der Gegenstand des Glaubens; nur die subjektiven Erfahrungen werden angedeutet: unter Schmerzen, aber aus tapferem Herzen (V. 14/15, ein bedeutsamer Reim). Ihr Mantra ist „Noch nicht“ (V. 16), wieder nur zwei betonte Worte für einen ganzen Vers. Dem eigenen Zweifeln wird also die pure Gläubigkeit als erstrebenswert gegenübergestellt („Wie gut...“, V. 13), für die es beim Ich aber „keine Wiederkehr“ geben kann.
Eigentlich müsste das Ich jetzt in die sachliche Diskussion eintreten, ob die neue Schicht nicht naiv ist und auch noch zur Einsicht kommen wird, dass die eigenen Begriffe nicht hinreichen, die Wirklichkeit zu erfassen. Dem eigenen Schweigen stellt es das Singen der Hoffenden gegenüber (V. 17 f.), von denen es nicht weiß, wer das ist – was hier heißen muss, dass es nicht weiß, woher sie ihre Zuversicht nehmen; denn es kann ja nicht um die Namen der Singenden gehen. Mit dem folgenden Satz von der Zeitgebundenheit (V. 19) erklärt das Ich sowohl die eigenen Zweifel wie die Zuversicht der neuen Schicht; damit ist dann doch die Hoffnung der neuen Schicht relativiert, sie ist nur eine Funktion der neuen Zeit, die auch wieder vergehen wird.
Angesichts dieser Überlegung ist die Verachtung der Spießbürger, die aus den folgenden Versen spricht, sachlich nicht begründet („Die, die gar nicht ringen. Die habens gut. Die sind schön dumm.“, V. 20-22); denn wenn das Ringen ohnehin nur zum Zweifel führt oder zur Frage, ob „es schon aus“ ist (V. 17) – was ich lese: ob es mit dem eigenen Leben schon vorbei ist – kann man genauso gut feiern und singen: „Freut euch des Lebens...“ Natürlich sind die, die gar nicht ringen, dumm; aber vielleicht ist es gar nicht verkehrt, dumm zu sein, wenn die Nichtdummen nicht zu einer Gelassenheit angesichts ihrer Zweifel finden? So könnte man die Äußerung, dass das Ich die Dummen beneidet, auch lesen; mir ist nicht klar, ob „beneiden“ hier wörtlich oder ironisch gemeint ist – pure Dummheit kann man eigentlich nicht beneiden.
Die letzte Strophe unterscheidet sich formal von den vorhergehenden, was man bei Erich Kästner durchgängig findet: Der Endreim -ingen verbindet hier drei statt zwei Verse; und die beiden letzten Verse sind zwei halbe vierhebige Jambusverse, deren erste Silbe zusätzlich betont ist, was den Versen Gewicht und eine größere Sprech- bzw. Schweigezeit gibt. Die erste Silbe ist übrigens auch in den Versen 6, 7, 8 und 12 betont, womit die Alternative „Kunst – Nicht Kunst“ und die beiden Negationen (V. 7 und V. 12) ihren Akzent bekommen; „stößt“ (V. 8) dagegen wird eher schwach betont, das hat nichts zu bedeuten.
Vielleicht sollte man Brechts „Lob des Zweifels“ zum Vergleich lesen, um einen ganz anderen Zweifel kennenzulernen; auch was Wilhelm Weischedel über Abschiedlichkeit sagt, ist viel weiter als Tucholskys Gedicht gedacht., das mir eher wie das Zeugnis einer persönlichen Krise vorkommt.
Vortrag des Gedichts:
https://www.youtube.com/watch?v=AJ3qA0ZxkJ0 (Jürgen von der Lippe, wie üblich zu schnell)

Dienstag, 3. Juli 2018

Wahrnehmungsfehler: Wenn Flöhe husten...

In der SZ vom 2. Juli 2018 stand ein guter Artikel von Sebastian Herrmann: „Alles immer schlechter“. Es geht um einen seit längerem bekannten Wahrnehmungsfehler: „In sehr vielen Bereichen haben wir so große Fortschritte erzielt, dass, sich Sorgen, Ärger und Wut nun an Problemchen entfachen, die zuvor quasi unterhalb der Wahrnehmungsschwelle lagen.“ Wenn es ganz still ist, meint man es donnerte, wenn die Flöhe husten.
Herrmann berichtet von Experimenten der Psychologen David Levari und Daniel Gilbert, die unter anderem erforschten, dass selbst neutrale Gesichter auf einmal als gefährlich erlebt werden, wenn die wirklich bedrohlichen selten werden. Odo Marquard hat das vor längerer Zeit bereits als „Gesetz der zunehmenden Penetranz der negativen Reste“ bezeichnet.
Dieses Gesetz wirkt sich in politischen Auseinandersetzungen aus, die moralisch aufgeladen sind: Die Probleme werden kleiner, aber die Aufregung nimmt zu, wie das Beispiel des Gomringer-Gedichtes an der Fassade der Berliner Alice-Salomon-Hochschule gezeigt hat.
Der australische Psychologe Nick Haslam hat das Phänomen auch auf Bemühungen bezogen, Rassismus einzudämmen, und ich möchte den grassierenden Genderwahn damit erklären: Auch wo es überhaupt keine Probleme gibt, muss auf einmal Weiblichkeit in der Sprache explizit kenntlich gemacht werden, was zu den idiotischsten Verrenkungen führt.

Mittwoch, 20. Juni 2018

J. Kaube: Die Anfänge von allem (2017) - Besprechung


Jürgen Kaube, einer der Herausgeber der FAZ, hat mit „Die Anfänge von allem“ (Rowohlt 2017) ein Buch veröffentlicht, das im Dezember 2017 bereits in 3. Auflage vorlag, wobei die Auflagenhöhe aber dezent verschwiegen wird. Es geht darin um die Anfänge spezifisch menschlich-kultureller Errungenschaften, die nicht durch Nachahmung natürlicher Gegebenheiten erklärt werden können, vom aufrechten Gang über die Anfänge der Sprache, der Religion, der Musik, der Schrift bis zu den Anfängen des Geldes und der Monogamie – insgesamt 16 Kapitel mit 50 Seiten Anmerkungen und 40 Seiten Literaturangaben. Dabei greift Kaube auf evolutionsbiologische Überlegungen, historische Untersuchungen zur Antike und ethnologisches Vergleichsmaterial zurück, ohne dass diese unterschiedlichen Fragestellungen im Einzelfall begründet würden: Warum widmet er sich z.B. im 12. Kapitel den Anfängen des geschriebenen Rechts, also dem Codex Hammurabi, aber nicht dem mutmaßlichen Anfang rechtlicher Verhältnisse unter Menschen?
Bestechend ist die Fülle der Literatur, die Kaube verarbeitet hat; dabei fällt allerdings auf, dass die englischsprachige Literatur überproportional vertreten ist, auch mit Artikeln in Fachzeitschriften, an die man als normaler deutscher Leser nicht herankommt. Dafür fehlt manchmal deutsche Standardliteratur, bei der Schrift etwa Christian Stetters „Schrift und Sprache“ (Suhrkamp 1997).
Die 14 Kapitel sind naturgemäß nicht gleich gut. Die ersten Kapitel haben mich besonders beeindruckt: über den aufrechten Gang als zentrales Kriterium des Menschlichen, über das Kochen und Sprechen (wobei ich nicht begreife, wie es ein Kapitel über das Sprechen und eines über die Sprache geben kann). Gut ist auch das Kapitel über die Stadt, während die Kapitel über die Religion, den Staat und das Erzählen Schwächen aufweisen. Das müsste an vielen Einzelheiten belegt werden.
So geht es im 14. Kapitel darum, dass es praktisch war, die unzähligen Götter auf einige zu reduzieren. „Dafür waren Gedanken wie der nötig, dass nicht jeder Fluss eines zuständigen Gottes bedarf, wenn sich alle Flüsse aus einem unterirdischen See speisen. Dessen Gott genügte dann. Auf diese Weise kamen Konzepte wie Ursache und Wirkung, Ganzes und Teil oder Über- und Unterordnung ins Spiel. Die Menschheit lernte an den Göttern, die sie sich vorgestellt hatte, logisch zu denken.“ (S. 296) Das ist denn doch eine viel zu einfache „Erklärung“ der Herkunft von Kategorien des Denkens. Und es nicht die einzige Stelle, wo Kaube journalistisch-flott statt wissenschaftlich-langsam argumentiert.
Gleichwohl hat Kaube ein Buch geschrieben, das interessant ist und viel Stoff zum Nachdenken bietet. Und das wollte er ja auch, nicht nur die Anfänge zivilisatorischer Errungenschaften darstellen (S. 19), sondern auch „Perspektiven auf die Zivilisation (…) eröffnen, die nicht von unseren eigenen Gewohnheiten schon festgelegt sind“ (S. 22). Dabei ergibt sich, dass viele Errungenschaften nicht eine einzige Ursache haben, dass sie nicht direkt „erfunden“ worden sind, dass es über ihre Anfänge nicht nur eine Theorie gibt; wenn man gut Bescheid weiß, etwa über die Anfänge der Stadt, reduziert sich jedoch die Zahl der plausiblen Theorien.
Als eine Schwäche erweist sich m.E. die Aufteilung der Frage nach den Anfängen auf viele Themen, bei denen man dann wieder auf andere Themen resp. die dort vorgetragenen Überlegungen zurückgreifen muss. Ein chronologisch geordneter Längsschnitt hätte diese Probleme umgangen.

Freitag, 11. Mai 2018

Genthe: Kleine Geschichte der ntl. Wissenschaft - Besprechung und Reflexion


Hans Jochen Genthe, evangelischer Gemeindepfarrer und Dozent für Neues Testament (https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Jochen_Genthe), 1927 geboren und inzwischen pensioniert, hat 1976 in der DDR ein Buch veröffentlicht, das 1977 bei Vandenhoeck unter dem Titel „Kleine Geschichte der neutestamentlichen Wissenschaft“ erschienen ist. Für das NT hatte ich damals großes Interesse; ich habe 1961-1965 in Bonn katholische Theologie studiert, aber bei Prof. Karl Theodor Schäfer nun wirklich nichts zum NT gelernt – er verstand etwas von der Vulgata, aber nichts von der ntl. Forschung. So musste man sich mühsam alles selber aneignen – abgesehen von dem, was man nebenher bei Prof. Heinrich Schlier lernen konnte. Die ntl. Forschung habe ich bis etwa 1980 direkt verfolgt, also bis zur Erforschung der Redaktionsgeschichte der Evangelien, bis zu Ernst Fuchs und Willi Marxsen („Die Sache Jesu geht weiter“).
Dieser Tage habe ich nach einem Blick in Harnacks Darstellung der Dogmengeschichte (eine von verschiedenen Darstellungen: https://archive.org/stream/dogmengeschichte00harn#page/n5/mode/2up) endlich Genthes „Kleine Geschichte“ gelesen; wer sich für dieses Thema interessiert, findet viele Namen, Fragestellungen, Forschungsergebnisse von der Reformation bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts. Genthe weiß anschaulich zu erzählen und durch einige biographische Details das Bild der Forscher lebendiger zu machen. Wenn man die Fragestellung der Forscher vereinfacht formulieren will, könnte sie lauten: „Was haben sich die Autoren des späteren ‚NT‘ bei ihrem Schreiben gedacht?“ Dabei zeigt sich, dass in der Forschung unendlich viel Schweiß und Tinte geflossen ist und dass die Forschungsergebnisse doch immer wieder überholt, korrigiert, zumindest vertieft worden sind – und dass bedeutende Fronten und Fragestellungen sich durchhalten. Ein Ergebnis des Buches: „Man kann das Neue Testament nur dann angemessen auslegen, wenn man es als Zeugnis eines Prozesses ansieht, der sich mit und zwischen einer Mehrzahl von Theologien abgespielt hat.“ Ein lehrreiches Buch also.
Die interessantere Frage lautet jedoch: „Was sollen wir uns denken, wenn wir das NT lesen, das Apostolische Glaubensbekenntnis beten (oder hören oder lesen) und die großen Dogmen der alten Kirchen ‚glauben‘ oder ‚bekennen‘ sollen?“ Auf diese Frage weiß die Forschung keine Antwort, auch wenn verschiedene Forscher verschiedene Antworten gegeben haben. Aber was soll ich mir zu Formeln wie „Die Sache Jesu geht weiter“ oder „Jesus ist in das Wort auferstanden“ denken? Wozu sollen dann Menschen auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes getauft werden? Lessings „garstiger Graben“ besteht nach wie vor.
In seinem Werk „Über den Beweis des Geistes und der Kraft“ (1777) beschrieb er einen „garstigen, breiten Graben“ im Herzen aller Theologie – ein Graben zwischen Glauben und historischer Beweisbarkeit desselben.
Geschichte ist, so Lessing, auf Grund ihres „Vergangen-Seins“ unmöglich verifizierbar. Das gilt genauso für die historischen Wurzeln des Christentums. Waren es die Gottessohnschaft und Auferstehung Jesu? Die biblischen Berichte helfen uns nicht dabei, die Auferstehung zu „beweisen“ – sie bleiben immer Berichte aus zweiter Hand, die vielleicht als Indiz, doch nie als endgültiger Beweis herhalten können. (http://www.theologiestudierende.de/2015/03/09/moment-mal-lessings-garstiger-graben/)
Diese Erklärung zur Nicht-Beweisbarkeit ist ein verlegener Spruch angesichts eines Bibelwortes, dass man vom Glauben Rechenschaft ablegen soll: „Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist.“ (1. Petr 3,15) Wie kann man Rechenschaft ablegen, wenn alle Erzählungen von der Erscheinung des Auferstandenen genau wie die Kindheitserzählungen bei Mt und Luk fromme Mythen, also historisch nicht haltbar sind, wie die Forscher einstimmig erklären? Was soll ich mir denken, wenn Leute sagen resp. gesagt haben, Jesus selber sei ihnen nach seinem Tod „erschienen“? Und wieso sollte ich ihnen glauben, wenn ich mir nichts dabei denken kann?